Progressive Rock – Die Ernste Musik der Popmusik: Covers

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Edison-Walzen, Schallplatten und Compact Discs sind Waren, die in Massen hergestellt werden beziehungsweise wurden, also Massenwaren. Abgesehen von ihrem Inhalt, der Musik, denen sie als Tonträger dienen, sind sie also nichts anderes als Autos, Rasierklingen oder Zeitungen. Als Edison die ersten Tonwalzen herstellte, war es zwar noch schwierig, sie massenhaft herzustellen – sie mussten aufwändig einzeln bespielt werden –, doch schon Emil Berliners Schallplatten wurden in einem recht wenig Zeit erfordernden Verfahren gepresst: Ein Stempel, der in negativer Form die Schallinformation enthielt, wurde auf eine thermoplastische Masse gedrückt, die nach Erkalten die fertige Schallplatte ergab. Als Material für die Schallplatten kamen verschiedene Substanzen in Frage, zunächst wurde Zelluloid verwendet, dann Hartgummi, dies auch mit verschiedenen Beimengungen, Schellack, schließlich Polyvinylchlorid.
Wenn Schallplatten selbst auch nie wirklich billig waren, so bestand ihr Wert nicht in erster Linie in dem Gegenstand aus schwarzem oder farbigem Kunststoff, sondern aus dem darauf gespeicherten Inhalt, in aller Regel also aus der Musik, die sie bereithielt. Aus diesem Wert resultierte aber wiederum der Wert des Gegenstandes selbst, denn Schallplatten sind gegen mechanische Einwirkungen empfindlich. Mit anderen Worten: Wenn dem Besitzer die Musik bedeutsam war, die die Schallplatte enthielt, musste er die Platte schützen und pfleglich behandeln. Platten benötigten also einen Schutz.
Am Anfang des Handels mit Tonträgern war dies bei Schallplatten eine einfache weiße oder braune Papiertüte, in deren Mitte ein kreisrundes Loch es ermöglichte, das Etikett der Schallplatte lesen zu können. Da es nicht notwendig war, dass eine Schallplatte für sich selbst warb und das Etikett der Schallplatte die erforderlichen Informationen bereitstellte – Firma, Titel des enthaltenen Musikstückes, Interpreten und weiteres mehr –, sah die Schallplattenindustrie es nicht als notwendig an, die Hülle in irgendeiner Weise optisch aufzuwerten. Der Käufer erhielt überdies bei längeren Musikstücken einen ganzen Stapel von Schallplatten, für deren Aufbewahrung es besondere Alben oder Mappen gab. Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden Langspielplatten weiterhin in dünne, meist weiße Papiertüten gesteckt, diese wiederum in das eigentliche Cover aus dünner Pappe. Um die bald in großer Zahl verfügbaren Schallplatten aber wenigstens einigermaßen unterscheiden zu können – auch als Hilfe für das Verkaufspersonal –, begannen die meisten Firmen ihren Namen auf die Papiertüte zu drucken, dann auch weitere Informationen, etwa zur Aufnahmetechnik (»Elektrisch aufgenommen«) oder zum Durchmesser der in der Tüte befindlichen Schallplatte.
Die Idee, die Hülle der Schallplatte als Werbefläche für die Schallplatte selbst zu nutzen, kam erst in den 1940er-Jahren auf, als Alex Steinweiss, Grafiker bei der amerikanischen Schallplattenfirma Columbia, eine Platte mit Musik von Rodgers/Hart in eine mit einem Foto bedruckte Hülle steckte. Der Erfolg dieser Aufnahme führte in kurzer Zeit dazu, dass Schallplatten obligat in individuell gestalteten Hüllen geliefert wurden. Dazu wurde ein stärkeres Material gewählt, bald ein dünner Karton – der auch nicht mehr das kreisrunde Loch zum Lesen des Etikettes aufwies –, so dass den Grafikern der Schallplattenfirmen zwei Flächen von zunächst etwa 26-27 Zentimetern Höhe und etwa 27 Zentimetern Breite, später, bei den LPs von 30 Zentimetern Durchmesser etwa 31-32 Zentimeter im Quadrat messend, zur Gestaltung zur Verfügung stand. In aller Regel wurde die Vorderseite des Covers, wie die Hülle nunmehr genannt wurde, aufwändiger gestaltet als die Rückseite: Die Vorderseite zeigte oft ein Foto des jeweiligen Interpreten, während die Rückseite die Anzahl und Titel der einzelnen Musikstücke nannte, später auch für die Liner-notes genutzt wurde, Texte, die beispielsweise Informationen zu den jeweils auf der LP enthaltenen Werken oder zu den beteiligten Musikern präsentierten. Das Schreiben von Liner-notes entwickelte sich im Laufe der 1950er-Jahre zu einer eigenen journalistischen Form.
Die Plattenfirmen erkannten bald, dass sie mit der Gestaltung der Schallplatten-Covers ihren Unternehmen eine vom Käufer leicht erkennbare Identität geben konnten. Logos etwa hatte es meist früher schon gegeben, diese wurden nun aufgewertet und oft auch farbig gestaltet, wie der auch mehrfarbige Druck schon seit Anfang der 1950er-Jahre sich hatte durchsetzen können. Zwei Beispiele für Corporate Identity seien genannt: Die Deutsche Grammophon Gesellschaft verwendete seit den 1950er-Jahren ein gelbes Etikett für die Schallplatten, das in verkleinerter Form das Logo der Firma zeigte, ein stilisierter Blumenstrauß. Dieser Strauß fand sich auf dem Cover auch als Kopf der Kartusche, die die wichtigsten Informationen zum Inhalt der Platte nannte: Interpret, Komponist, Werk. Diese klassizistische Kartusche wurde später durch eine kleine angefügte weitere Kartusche mit dem Hinweis »Digital-Aufnahme« geringfügig erweitert. Ansonsten waren die Grafiker der Deutschen Grammophon Gesellschaft weitgehend frei in der Gestaltung der Vorderseite, es konnten also Fotografien, Reproduktionen mehr oder weniger bekannter Gemälde oder exklusiv angefertigte Illustrationen sein.
Besonderes Augenmerk auf die Gestaltung der Covers ihrer Platten richteten Jazz-Labels wie in den 1950er-Jahren vor allem Blue Note Records. Ein Großteil der Covers des Labels zeigen den jeweiligen Interpreten bei der Arbeit im Studio, oft in Großaufnahmen und meistens in monochromer/schwarzer Farbgebung. Bei der Gestaltung wurde auch die Typografie einbezogen und die gesamte Vorderseite in wenige Bereiche aufgeteilt. Die Covers stellten den Jazz und seine Protagonisten so beispielhaft dar, dass ihre Motivik bis heute Gültigkeit hat und auch auf die Cover-Gestaltung in der Rockmusik ausstrahlte.1 Die unbeirrbare Haltung Blue Notes in der Gestaltung ihrer Covers war aber auch anderen Labels Vorbild, etwa dem deutschen Label ECM im Jazz-Bereich, dem Label Innovative Communcation2 für Elektronische Musik und dem Progressive-Rock-Label kscope, wenn auch jeweils in einer völlig anderen grafischen Sprache. Gemeinsam ist diesen Labels, dass die Cover-Gestaltung als integraler Bestandteil der gesamten Tonträger-Veröffentlichung aufgefasst wird, gleichwohl aber auch für sich stehen kann, wie entsprechende Buchveröffentlichungen beweisen.3
Für die Rockmusik der 1950er- und beginnenden 1960er-Jahre waren die Gestaltung der Covers, erst recht künstlerische Überlegungen, von sehr untergeordneter Bedeutung. Das Medium der Rockmusik war die Single, kleine Schallplatten mit einem Durchmesser von etwa 17 Zentimetern mit einem großen Mittelloch, das das Abspielen in der Juke Box erleichterte. Die Singles steckten in einfachen Papierhüllen, in die ebenfalls ein Loch geschnitten war, das den Blick auf das Etikett der Platte frei gab. Die Papiertüten waren schmucklos, das weiße Papier wurde partiell in den Farben des jeweiligen Labels bedruckt, etwa Orange für Polydor, Grün für Odeon, Blau für Telefunken usw. Die Farbgebung war allerdings nicht immer durchgängig und wechselte auch mehr oder weniger häufig. Bald wurden auch diese Hüllen mit Fotos bedruckt, schließlich das Loch im Cover aufgegeben, so dass den LP-Covers ähnliche Picture Sleeves möglich waren. Noch die ersten Singles der Beatles steckten in mit einem Foto der Band bedruckten Hülle mit einem ausgestanzten großen Loch. Abweichend von den LPs waren Vorder- und Rückseite der Single-Hüllen identisch.
Die LP war für die frühe Rockmusik von nachrangiger Bedeutung. Das Publikum der Rockmusik waren die Jugendlichen, von denen man annehmen konnte, dass sie wenig Geld zur Verfügung hatten und dieses vor allem für die Hits ihrer Favoriten ausgeben wollten, also bevorzugt Single-Schallplatten kauften. Längst nicht von allen Interpreten wurden LPs herausgegeben, oft aus dem einfachen Grund, dass diese eine LP gar nicht hätten füllen können. Die LP war eine Art Sammel-Schallplatte, auf der schon als Singles erfolgreiche Songs, neue Songs und Songs, die nicht zur Veröffentlichung auf einer Single gedacht waren, zusammengestellt wurden. Damit enthielt eine LP auch Songs, die erst nach ihrer Veröffentlichung ebenfalls als Singles auf den Markt kamen – sie wurden »ausgekoppelt«, eine bis heute übliche Praxis. Die Gestaltung der Hüllen dieser LPs war an die von LPs aus anderen Bereichen angelehnt, zeigte also vorne ein Foto, hinten Informationen zu der Schallplatte. Wenn das auf den ersten Blick auch ebenso einfalls- wie lieblos wirkte, so wurde bei der Gestaltung dieser Cover dennoch nichts dem Zufall überlassen.
Die Gestaltung der Cover wie auch die Schallplatte selbst wurden dabei regionalen Gegebenheiten angepasst, das heißt, dass in Großbritannien veröffentlichte LPs keineswegs beispielsweise in den USA das gleiche Repertoire enthielten und auch nicht unbedingt im selben Cover steckten. Die erste LP der Beatles, die weltweit in gleicher Form veröffentlicht wurde, war »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band« von 1967.4 Die Covers der LPs, die die Beatles veröffentlichten, waren aber beinahe von Anfang an professionell geplant. Das galt für »Please Please Me« (1963) vielleicht noch nicht im gleichen Maße wie für die folgenden Schallplatten der Liverpooler. George Martin – er war bei Parlophone auch für die Covers der Schallplatten verantwortlich – hatte die Idee, die Band wegen ihres Namens im Londoner Zoo vor dem Insektenhaus fotografieren zu lassen. Dies schlug fehl, der Zoo war von Martins Einfall wenig angetan.5 Weil die Zeit drängte, wurden die Beatles dann der Einfachheit halber im imposanten Treppenhaus des EMI-Geschäftsgebäudes am Manchester Square fotografiert. Ein Foto aus der von dem Theaterfotografen Angus McBean angefertigten Serie wurde später für eine Sammelplatte »The Beatles 1962-1964« (1973) – das sogenannte »Rote Album« – noch einmal verwendet, während das »Blaue Album« mit einer 1969 am gleichen Ort aufgenommenen Fotografie der Band – ebenfalls von McBean – ausgestattet wurde – ein Konzept im Nachhinein.6
War McBeans Foto noch unter Zeitdruck und eher zufällig entstanden und auf das Cover der ersten LP der Beatles gekommen, so wurde für die nächsten Langspielplatten der Band nichts dem Zufall überlassen: Die Fotos der LPs »With The Beatles« (1963), »A Hard Day’s Night« (1964), »For Sale« (1964), »Help!« (1965) und »Rubber Soul« (1965) stammen allesamt von dem Fotografen Robert Freeman. Freeman orientierte sich an der seinerzeit aktuellen Kunstfotografie, setzte zunächst auf die damals beliebte Schwarz/Weiß-Fotografie mit forcierter Entwicklung hochempfindlicher Filme – dabei bildete sich die körnige Struktur etwa des Fotos von »With The Beatles« heraus –, nahm die Fotos als Teile einer grafischen Gestaltung des gesamten Covers, etwa bei »A Hard Day’s Night« und »Help!«, und bevorzugte für »For Sale« und »Rubber Soul« großformatige Portraitfotos der Band. Auffallend: Kaum eines der Fotos zeigt wenigstens einen der Musiker mit dem seinerzeit üblichen »gewinnenden« Lächeln von Sängern und Sängerinnen.
Dennoch waren die vier Musiker der künstlerisch zwar hochwertigen, aber auch ein wenig konventionellen Covers ihrer LPs um 1965 müde. Als Freeman den Musikern die für »Rubber Soul« geplanten Fotos mittels eines Diaprojektors zeigte, wurde ein Portrait aufgrund des Diawechsels für den Bruchteil einer Sekunde ein wenig verzerrt. Die Beatles waren von dem unfreiwilligen Effekt begeistert und fragten Freeman, ob man das Foto nicht für das Cover auf die gleiche Weise verzerren könne. Da das technisch möglich war, zeigt »Rubber Soul« das leicht verzerrte Portrait der vier Musiker, die ebenfalls verzerrte Schrift in einer Ecke des Covers verstärkte den Effekt noch; der Name der Band wird auf diesem Cover nicht gezeigt, die Beatles waren mittlerweile auch als Bild so bekannt, dass die Nennung des Bandnamens in gedruckter Form als unnötig angesehen wurde. Das Cover von »Rubber Soul« kann als eines der ersten Beispiele einer »psychedelischen« Cover-Gestaltung angesehen werden.
Am Cover von »Revolver« war Freeman nicht mehr beteiligt. Die Beatles hatten ihren Freund aus Hamburger Tagen, den Grafiker und Bassisten Klaus Voorman beauftragt, das Cover für die neue LP zu entwerfen. Voorman zeichnete größere und kleinere Portraits der vier Musiker, in die er einige Fotos von Robert Whitaker einmontierte.7 Voormann gestaltete später auch die Cover der »Anthology«-Serie.

 


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