Progressive Rock – Die Ernste Musik der Popmusik: Concept Album und Rock Opera

Posted on by

Die Wortkombination Concept Album – deutsch: Konzeptalbum – besteht aus zwei Worten, die in der Rockmusik eine Bedeutung haben, die sie im ursprünglichen Sinn nicht haben. Diese Verschiebung des Sinnes hat ihre Geschichte: Als das erste Concept Album gilt »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band«, 1967 von The Beatles veröffentlicht. Wie noch zu zeigen ist, ist das zwar nur unter einem bestimmten Blickwinkel korrekt, aber erst seit Veröffentlichung dieses Albums ist der Begriff Concept Album in der Rock-Journalistik in einem bestimmten Sinn besetzt. Der Begriff Album, der seit Jahrzehnten bis in jüngste Zeit für einen Tonträger verwendet wird, dessen Abspieldauer eine Grenze von etwa 20 Minuten übersteigt, ist der ältere Begriff.1 In der Frühzeit der Schallplatte – die Zylinder Edisons seien hier beiseite gelassen, sie erfüllen kaum die Kriterien eines Massenmediums – waren weder der Durchmesser der Schallplatten, noch deren Aufnahme- und Abspielgeschwindigkeit, noch das Material, aus dem sie hergestellt wurden, irgendeiner Übereinkunft oder gar Norm unterworfen; vielmehr galt es einschlägigen Unternehmen als Ziel, das jeweils eigene System als Norm durchzusetzen. Bis Ende der 1920er-Jahre war dies geschehen: Schellack war das Material, der Durchmesser der Tonträger betrug etwa 10 Inch, also 25 Zentimeter, das Abspielen erfolgte mit 78 Umdrehungen je Minute. Aus diesen Werten ergab sich zunächst eine Spieldauer von etwa drei Minuten je Seite. Mit Abstrichen galten diese Maßgaben bis Ende der 1940er-Jahre. Natürlich gab es diverse weitere, aber erfolglose Versuche, neue Normen durchzusetzen.
Die geringe Spieldauer führte notgedrungen dazu, dass Werke der traditionellen Kunstmusik auf mehrere Schallplatten verteilt werden mussten, der Schallplattenhörer war nahezu ständig in Bewegung, um Schallplatten umzudrehen oder gegen die jeweils nächste auszutauschen.
Tonträger bedeutet nämlich, dass die Physis des Tonträgers determinierte, welche Länge ein Musikstück haben konnte – Musikstücke, die vor der Ära des Tonträgers entstanden waren, entsprachen dem mal, mal nicht.
Die Schallplatten – eher Schallplattenstapel – wurden in schmucklosen Tüten aus Papier, mal weiß, mal andersfarbig, verkauft; die Hülle, die Sleeve war als Werbeträger, als Gegenstand künstlerischer Gestaltung, noch nicht entdeckt, erst recht nicht die später übliche Inner Sleeve, die beispielsweise CBS in den 1970er-Jahren vehement als Werbefläche nutzte. Stattdessen sammelten Schallplattenkäufer ihre Schallplatten in separat zu erwerbenden Alben, in denen sie die Tonträger ordneten – also etwa so, wie man Fotos in Fotoalben einklebte. Man konnte also ein Album mit Ludwig van Beethovens Symphonien anlegen und die jeweiligen Taschen, in denen die Schallplatten steckten, entsprechend beschriften. Es gab seit etwa 1900 auch konfektionierte Alben, in denen alle Platten beispielsweise einer Symphonie bereits zusammengestellt waren; für populäre Musik waren derartige Sammel-Alben erst seit etwa 1930 im Handel erhältlich.2 Leere Sammelalben, in denen man LPs sammeln konnte, gab es in geringfügig abgewandelter Form bis in die 1960er-Jahre. Bei diesen Alben waren es 10, 12 oder auch mehr Hüllen aus durchsichtiger Kunststofffolie, in die jeweils die komplette LP gesteckt wurden; der Einband eines solchen Sammelalbums war oft mit Textil überzogen und konnte mitunter wie ein Poesiealbum oder ein Tagebuch mit einem kleinen Schloss versperrt werden. Ein Schallplatten-Sammelalbum war also eine Art persönlicher Schatz. Das Wort Album weist im Übrigen darauf hin, dass das Sammelalbum leer, also in gewissem Sinne »weiß« war.3
In gewisser Hinsicht entsprachen diese Sammelalben den heute üblichen »Best of…«-Sammlungen. Auch das nicht ohne Grund: Als um 1950 einerseits die Single, also eine kleine Schallplatte mit einem Durchmesser von sieben Inch und einer Abspielgeschwindigkeit von 45 Umdrehungen je Minute, andererseits sich die Langspielplatte (Long Play) mit einem Durchmesser von 12,5 Inch und einer Abspielgeschwindigkeit von etwa 33 Umdrehungen je Minute auf dem Schallplattenmarkt durchzusetzen begannen, war nach der so genannten »Battle of Speeds« dieser Markt mehr oder weniger deutlich aufgeteilt: Die Langspielplatte wurde zum Medium der traditionellen Kunstmusik, die Single das der so genannten »populären« Musik, damit also auch das genuine Medium des Rock’n’Roll. Neue Rockmusik wurde zunächst auf Singles veröffentlicht.
Von Zeit zu Zeit aber wurden die Songs zuvor veröffentlichter Singles gebündelt und mit anderen Songs, die aufgrund verschiedener Erwägungen nicht auf Singles veröffentlicht worden waren, zusammengefasst, so dass die Herausgabe einer LP möglich war. Diese LPs waren im Grunde also stets so etwas wie »Best-Of«- oder »Greatest-Hits«-Zusammenstellungen. Dies blieb bis in die 1960er-Jahre so, wie etwa an den Schallplatten der Beatles abzulesen ist.
Die erste LP der Liverpooler Band, am 22. März 1963 unter dem Titel »Please Please Me« veröffentlicht, enthielt 14 Songs. Seinerzeit war es üblich, dass LPs mit Rockmusik auf jeder Seite fünf bis sieben Songs enthielten, bei einer Spieldauer von insgesamt 30 bis 40 Minuten. Die in den USA und in Europa veröffentlichten LP waren dabei nicht unbedingt identisch: In den USA enthielt eine LP meist insgesamt zehn bis 12 Songs, in Europa 12 bis 14; auch unterschieden sich die Veröffentlichungen hinsichtlich Titel, Repertoire und Reihenfolge der Songs.
Von den 14 Songs von »Please Please Me« stammten acht von John Lennon und Paul McCartney. Dies war insofern ungewöhnlich, als dass Rockmusiker zu dieser Zeit meist wenig oder gar nicht selbst Songs schrieben. Mit den Beatles trat die »autarke« Rockband auf den Plan, bei der Kompositionen und Texte innerhalb der Band entstanden. Lennon/McCartney hatten die Songs »I Saw Her Standing There«, »Misery«, »Ask Me Why«, »Please Please Me«, »Love Me Do«, »P.S. I Love You«, »Do You Want To Know A Secret« und »There’s A Place« geschrieben, »Anna (Go To Him)« stammte von Arthur Alexander, »Chains« von Carole King und Gerry Goffin, »Boys« von Luther Dixon und Wes Farrell, »Baby It’s You« von Mack David, Barney Williams und Burt Bacharach, »A Taste of Honey« von Bobby Scott und Ric Marlow und Autoren von »Twist And Shout« waren Phil Medley und Bert Russell gewesen. Von diesen Songs waren »Love Me Do« und »P.S. I Love You« im Oktober 1962 und »Please Please Me« und »Ask Me Why« im Januar 1963 auf Singles veröffentlicht worden, nach Erscheinen der LP erschienen weitere Auskopplungen auf Single-Schallplatten. Die LP »Please Please Me« war hinsichtlich der Veröffentlichungspolitik des Labels Parlophone also durchaus typisch für ihre Zeit, enthielt sie doch Single-Hits und einige Cover Versions. Somit entsprach diese LP im Grunde dem früheren Album, in dem eben Musikstücke verschiedener Art gesammelt worden waren.
Bis Mitte der 1960er-Jahre verlor diese Form der Rock-LP nach und nach und nicht zuletzt unter dem Einfluss des Erfolges der Beatles an Bedeutung. Es zeigt sich darin aber auch der Bedeutungsverlust der Single für die Rockmusik. Eine Rolle mögen die LPs »A Hard Day’s Night« (1964) und »Help!« (1965) gespielt haben: Dadurch, dass sie die in den Filmen der Beatles zu hörenden Songs enthielten, brachten sie auch so etwas wie ein Konzept mit, nämlich das Konzept des jeweiligen Films, mag dies auch noch so vage gewesen sein.
Natürlich liegt jeder Schallplatte ein Konzept zugrunde. Schon der Wille, einen Song zu einem bestimmten Thema zu verfassen – und ohne Thema geht es nicht – ist ein Konzept. Also eine Selbstverständlichkeit, es gibt keine Schallplatte, Single oder LP, die nicht das Abbild eines Konzeptes ist. Mit dem Begriff Concept Album ist aber etwas anderes gemeint: Er wird nur auf LPs – später eben CDs – angewendet und setzt daher die Möglichkeit voraus, dass der jeweilige Tonträger überhaupt den Raum bietet, ein Konzept darstellen und vermitteln zu können. Diese Möglichkeit bot eigentlich erst die Schallplatte mit größerer Spieldauer, schließlich also die LP.
Dabei darf nicht aus dem Blickfeld geraten, dass Tonträger an sich eine Einschränkung bedeuten, die in der Musik bis dahin unbekannt war: Die Begrenzung der Spieldauer. Denn natürlich war (und ist) es den Komponisten der traditionellen Kunstmusik unbekannt, ihre Werke auf die Möglichkeiten eines Tonträgers abzustimmen. Theoretisch war die Länge eines Musikstückes nicht begrenzt. Dem konnten die ersten Tonträger – Edisons Walzen und Berliners Platten – nicht entsprechen und so war es vorrangiges Ziel der Tonträger-Technologie, diese Beschränkung aufzuheben. Dieses Ziel spielte bis in jüngste Zeit eine Rolle, als Größe und Spieldauer der CD festgelegt werden sollten. Die Legende will es, dass die Firmen Philips und Sony, beide maßgeblich an der Entwicklung der Compact Disc beteiligt, einen Kompromiss schlossen: Die Scheibe sollte in die Tasche eines durchschnittlichen Anzugs passen und eine komplette Aufnahme der Symphonie Nr. 9 von Ludwig van Beethoven enthalten können. Da die längste seinerzeit auf dem Markt verfügbare Aufnahme der Symphonie eine Dauer von etwas über 70 Minuten hatte – Dirigent der Einspielung war Wilhelm Furtwängler – wurde die Spieldauer auf 74 Minuten festgelegt, woraus sich ein Durchmesser von 12 Zentimetern ergab.
Zu dieser Zeit gab es natürlich auch in der Rockmusik schon Kompositionen, die länger als 74 Minuten dauerten. Dazu gehörte beispielsweise »Tales from Topographic Oceans« von Yes, 1973 als Doppel-Album veröffentlicht. Das typische Konzeptalbum aber war mit Hinblick auf die Langspielplatte gestaltet: »Tarkus« von Emerson, Lake & Palmer etwa oder »Close to the Edge« von Yes nahmen exakt eine Seite einer Langspielplatte ein – »Tarkus« ist etwas über 20 Minuten lang (20:14), »Close to the Edge« knapp 19 Minuten (18:43). Die LPs aber, auf denen diese Kompositionen jeweils zu finden sind, sind in einem sehr engen Sinn keine Konzeptalben. In diesem Sinne ist ein Concept Album nur das Album, das in Gänze einem Konzept unterworfen ist. Derartige Alben sind gar nicht so häufig, »Thick as a Brick« (1972) von Jethro Tull ist eines davon. Es ist mithin nicht zwingend, dass ein Concept Album nur ein einziges Stück Musik enthält. Hegarty und Halliwell beispielsweise lassen sowohl »Tarkus« von ELP als auch »Close to the Edge« von Yes oder »2112« (1976) von Rush als Concept Album gelten, nicht aber »Foxtrot« von Genesis, obwohl das darauf enthaltene »Supper’s Ready« eine ähnliche Länge aufweist wie die Kompositonen von ELP, Yes und Rush, mit der Begründung, dass auch weitere Elemente wie etwa Titelgebung des Albums als auch Gestaltung des Covers Teil der Definition des Phänomens Concept Album sind.4
Die Idee des Concept Albums dürfte aus der Veröffentlichung von Filmmusik herrühren, ist also ein Ergebnis des Tonfilms, den es seit Ende der 1920er-Jahre gibt. Unterschieden werden muss auch hier: Einerseits handelt es sich um Platten, die die zu einem Film gehörenden Songs enthalten, zum anderen Platten, die den Soundtrack beinhalten – mitunter nicht nur sämtliche in einem Film zu hörende Musik, sondern auch Bruchstücke des Dialogs und Geräusche. Bei diesen Schallplatten wurde natürlich häufig auch die optische Gestaltung des Films genutzt, sie steckten also in Hüllen, auf denen beispielsweise das jeweilige Filmplakat wie auch Standfotos aus dem Film abgedruckt waren. Von größerer Bedeutung aber war, dass diese Schallplatten in aller Regel von Menschen gekauft wurden, die den Film gesehen hatten und daher dessen Inhalt – dessen Konzept – kannten. Aufgrund dieser Erfahrung konnten sie auch den Tonträger, die Schallplatte mit der Filmmusik oder dem Soundtrack, ohne weitere Erklärung zur Deckung bringen.
Denn wenn einem Hörer nicht gesagt wird, dass es sich bei dieser oder jener LP oder CD um ein Concept Album handelt, wird er dies nicht unbedingt erkennen. In der Rockmusik kann zwar unter Umständen der gesungene Text hier einige Klarheit schaffen, doch gibt es genügend Beispiele, dass man am Text keineswegs den Inhalt des Albums ablesen kann.

 


Das PDF enthält das komplette Kapitel Concept Album und Rock Opera. Nach einem Klick auf das Symbol öffnet sich ein Browser-Fenster, das die originale Druckdatei anzeigt; dieses PDF kann heruntergeladen werden und auf dem eigenen Computer gespeichert werden.