Progressive Rock – Die Ernste Musik der Popmusik: Vorwort

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»It’s prog, Jim, but not as we know it« ist der Titel einer Rubrik der britischen Musikzeitschrift »Prog«, in der Monat für Monat ein Album einer Band oder eines Musikers präsentiert wird, die gemeinhin nicht dem Progressive Rock zugerechnet werden; das jeweilige Album wird dann auf seine »Prog-Zugehörigkeit« untersucht und am Ende stellt sich stets heraus: Progressive Rock ist überall. Danach haben The Chameleons (»What Does Anything Mean? Basically«, 1985), Ultrasound (»Everything Picture«, 1999), Propaganda (»A Secret Wish«, 1985), Naked City (»Naked City«, 1990), Iron Maiden (»Seventh Son of Seventh Son«, 1988) und selbst Daryl Hall (»Sacred Songs«, 1980) Alben vorgelegt, deren darauf enthaltene Musik es allemal erlaubt, die jeweilige LP oder CD ohne Umschweife dem Progressive Rock zuzuschlagen. Die Etikettierung der eigenen Musik als »Progressive Rock« indes ist nicht jedem genehm: Als Rick Wakeman 2001 die britische Band Radiohead mit der simplen Wahrheit konfrontierte, »Sorry, guys, you’re as prog as they come«, wiesen die fünf Musiker dies entrüstet zurück – sie verstanden sich nicht als Mitglieder einer Progressive-Rock-Band. Die Protagonisten des Progressive Rock waren für Thom Yorke Bands der 1960er- und 1970er-Jahre, Genesis, Emerson, Lake & Palmer und Yes, Formationen, die der Punk doch Mitte der 1970er-Jahre hinweggefegt hatte. »Progressive Rock«, das sind seitdem für viele Musiker und Journalisten in der Abkürzung Prog Rock gleich zwei »Four Letter Words«, die man besser nicht in den Mund nimmt.
Wakeman sorgte mit seinem direkten Wort indes für Klarheit. Denn 2001 war Progressive Rock nicht eine zu Recht in Vergessenheit geratene Fehlentwicklung der Rockmusik vergangener Tage, sondern ein höchst lebendiger Bereich der aktuellen Rockmusik. Das war zwar vielen Musikern, Journalisten und Rockhörern entgangen, aber Wakeman wusste, wovon er sprach. Progressive Rock ist auch im zweiten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende und mehr als 30 Jahre nach Punk aktuell. Wenn auch keiner weiß, was Progressive Rock denn nun genau ist.
Anfang der 1970er-Jahre war der britische Progressive Rock, selbst wenn er nicht so genannt wurde, innerhalb der gesamten Rockmusik eine starke Kraft, für wenige Jahre ebenso dominant wie der gleichzeitig aufblühende Heavy Metal von Black Sabbath oder Led Zeppelin. Mitte der 1970er-Jahre war diese erste Phase der Existenz von Progressive Rock schon beendet. Die Ursache für den schnellen Tod des Progressive Rock war der Punk Rock – oder schien es gewesen zu sein. Vielleicht war es auch die Meinungsführerschaft weniger amerikanischer und in deren Gefolge auch britischer und schließlich deutscher Journalisten, die seitdem keine Gelegenheit auslassen, auf diese Art von Musik als Ganzes einzudreschen – im Falle von beispielsweise Southern Rock, Soul oder Reggae ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Rubrik in »Prog« legt den Schluss nahe, dass Progressive Rock kein Genre oder Stil ist, sondern eine Möglichkeit, die in der Rockmusik als eklektizistischer Musik von vornherein angelegt ist und bald hier, bald da auftaucht. Aus der Möglichkeit kann sich eine Methode der Komposition und Gestaltung von Musik entwickeln – und hat sich in der Tat entwickelt –, die dann unter Musikern so breite Akzeptanz findet, dass sie als »Genre-bildend« missverstanden werden kann. Die oben unter »It’s prog, Jim…« genannten Bands und Musiker sind keine Vertreter des Progressive Rocks, sondern benutzten Methoden und Techniken für die Kreation ihrer Musik, die eben die Rockbands entwickelten und nutzten, die dann als Bands des Progressive Rocks galten und gelten: Yes, Emerson, Lake & Palmer, Gentle Giant, King Crimson, Jethro Tull, Genesis.
Um überhaupt eine Aussage über das Phänomen Progressive Rock treffen zu können, ist zunächst eine Klärung des Begriffs nötig: Was sagt der Begriff »Progressive Rock«? Was meint er? Wer benutzt ihn? Wann fiel die Bezeichnung überhaupt zum ersten Mal? Ist Progressive Rock der 1970er- und 1980er-Jahre derselbe wie der der 1990er- und der Jahre nach 2000? So habe ich das erste Kapitel des vorliegenden Buches dem Begriff selbst gewidmet. Sinn dieses Kapitels ist es nicht, am Ende eine endgültige Definition zu zementieren, möglicherweise noch als allgemeingültig und verbindlich festlegen zu wollen. Vielmehr geht es darum, die Vieldeutigkeit des Begriffs, die Widersprüchlichkeit in seiner Anwendung wie auch die geradezu inflationäre Ausweitung um eine Vielzahl von tatsächlichen oder vermeintlichen Präzisierungen festzuhalten.
Auf dieses eröffnende Kapitel folgt ein Kapitel zur Geschichte des Progressive Rocks. Progressive Rock ist eine der ältesten Spielarten der Rockmusik und seine Geschichte ist keineswegs abgeschlossen. Natürlich ist der Progressive Rock des Jahres 2012 in seinem Erscheinungsbild nicht mehr derselbe wie der des Jahres 1972. In diesem Kapitel werden eine Reihe von Fragen zur Musik beantwortet, andere gestellt. Eine Musik, die mit einem Begriff so wenig zu fassen ist wie der Progressive Rock, kann ebenso wenig erschöpfend in wenigen dürren Worten wie in vielen Seiten zu ihrer Geschichte beschrieben werden. So habe ich versucht, Progressive Rock in mehreren »Themenkreisen« zu beschreiben. Fragen, denen im Kapitel »Kurze Geschichte« nicht weiter nachgegangen werden kann, werden in separaten Kapiteln erörtert. Diese sind – wie etwa die Kapitel »Concept Album« oder »Covers« – Themen gewidmet, die in besonderem Maße mit dem Progressive Rock zusammenhängen –, andere dagegen, so etwa »Der anhaltende Ton« oder »Studio«, scheinen auf den ersten Blick eher allgemeiner Art zu sein, sind hier aber auf den Progressive Rock ausgerichtet.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf dem »klassischen« Progressive Rock der Jahre zwischen etwa 1965 und 1975, da in diesen Jahren die Grundlage für diese Musik gelegt wurde. Wie diese Grundlagen aussehen, darüber soll das Kapitel »Analysen« mit genaueren Untersuchungen von Kompositionen wie »Good Vibrations« von Brian Wilson, »A Day in the Life« von den Beatles, »Tarkus« von Emerson, Lake & Palmer, »Close to the Edge« von Yes und weiteren mehr Auskunft geben, aber auch, wie die in diesen Jahren entwickelten Kompositionstechniken in späteren Jahren verwendet wurden. Im Vordergrund stehen dabei Entwicklungen der Form. Die Transkription von Rockmusik, also deren Überführung in das traditionelle europäische, in der Kunstmusik entwickelte Notations-System, ist eine Notlösung – so lange wir nichts Besseres haben. Genutzt habe ich hier neben dem klassischen Weg – das Hören und Notieren –, vorhandene Transkriptionen, Partituren und Songbooks auch eine besondere Software, die es ermöglicht, Audio-Dateien im WAV-Format zu zerlegen und in eine grafische Partitur zu übertragen. Dennoch: Alle Transkriptionen möchte ich als Skizzen verstanden wissen, sie dienen der Verständigung und der Diskussion über eine Musik, die von ihren Urhebern nur in äußerst seltenen Fällen ganz oder teilweise vor der Aufnahme notiert wurde. Klar auch, dass diese Transkriptionen nur ein »Skelett« darstellen und für Rockmusik wesentliche Aspekte wie etwa die Klanggestaltung außer Acht lassen müssen.
Ein großes Kapitel, »Miszellen« genannt, enthält eine Reihe von mehr oder weniger umfangreichen Aufsätzen zu bestimmten Themen, die teils unmittelbar von Bedeutung für den Progressive Rock sind, teils bestimmte Aspekte der Rockmusik um 1970 aufgreifen. Teil dieses Kapitels ist auch die Geschichte der Musik, die als »Canterbury-Scene« oder »Canterbury-Rock« bezeichnet wird. Das letzte Kapitel soll eine Art Zusammenfassung darstellen, gleichzeitig eine Einschätzung, was das Elementare am Progressive Rock ist, das über diese Musik im engeren Sinn hinausreicht und Rubriken wie »It’s prog, Jim…« überhaupt erst möglich macht.
Die Teilung in Themenkreise führt geradezu zwangsläufig dazu, dass manch ein Phänomen in diesem wie auch in jenem Kapitel beachtet werden muss – es ist jeweils ein anderer Blick auf dieselbe Sache. In deren Natur liegt auch, dass manche Musiker und Bands in beinahe jedem Kapitel genannt werden, andere dagegen nur in einem Nebensatz oder überhaupt nicht. Es gibt Musiker und Bands, deren Musik ich besser kenne als die anderer Bands. Es gibt auch Musik, die ich recht gut kenne, dazu aber wenig sagen kann. Das bedeutet in keinem Fall: Wertung.
Progressive Rock, selbst wenn er nicht so genannt wird und unter dieser Bezeichnung vielleicht sogar ein »Nischendasein« führt, ist sehr lebendig, weit lebendiger als die etablierte Musikpresse bereit ist zuzugeben. Mittlerweile gibt es Zeitschriften in Großbritannien und in Deutschland, die ihr hauptsächliches Augenmerk auf den Progressive Rock richten, es gibt in den USA, in Großbritannien und in Deutschland Festivals, die dem Prog Rock, wie diese Musik häufig kurz genannt wird, gewidmet sind, und es gibt ein mittlerweile wieder recht großes Publikum, zu dem nicht nur Fans gehören, die schon Konzerte von The Nice oder Genesis mit Peter Gabriel besuchten.

 


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