When I ran, I galloped: Keith Emerson – Musiker, Komponist, Rockstar: Emerson, Lake & Palmer

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Keith Emerson traf Greg Lake zum ersten Mal im Dezember 1969 im Fillmore West in San Francisco. Jahrzehnte später schilderte er diese Begegnung in seiner Autobiographie.[1] Dabei machte er sich über King Crimson ein wenig lustig, zeigte sich aber von Lake gleichzeitig beeindruckt wie unbotmäßig kritisert. Die beiden Musiker kannten sich nicht, aber schon während des ersten Gesprächs mäkelte Lake – der im Übrigen in der Garderobe des Fillmore sich wohl wie ein absolutistischer Monarch benahm – an Emersons Spiel und dem Sound dessen Band, The Nice, herum.
Die Mitglieder einer Rockband müssen ebensowenig Freunde sein wie die Spieler einer Fußballmannschaft; es würde vermutlich nichts schaden, aber es ist auch nicht sicher, ob es etwas nützt. Emerson hatte sich bis 1969 aber schon so intensiv mit dem Sound seiner Instrumente beschäftigt, dass Lakes herablassende Bemerkung, die schließlich in einem Zweifel an seinen, Emersons, Fähigkeiten als Keyboard-Spieler gipfelte, noch Jahrzehnte später, nach der Jahrtausendwende, als er seine Autobiographie schrieb, ihre Wirkung zeigte.
Als die beiden Musiker dann nach einiger Zeit doch ihre Band gründeten und in Carl Palmer einen passenden Schlagzeuger fanden, war auch dieser vor Emersons Spott nicht sicher.[2] Fühlte eben noch Emerson sich von Lake ein wenig hochnäsig behandelt, so dachten beide nun bei ihrer ersten Begegnung mit Palmer, dass der wohl noch ein recht kleines Kind sei. Zu bedenken ist, dass Palmer da bereits in zwei durchaus erfolgreichen Bands gespielt hatte, bei Arthur Browns Crazy World und mit dem Organisten Vincent Crane bei Atomic Rooster. Zu herablassender Voreingenommenheit bestand mithin kein Grund.
Das also war die Supergroup schlechthin des Jahres 1970, ein beleidigter Organist und Pianist, ein besserwisserischer Bassist und Sänger und ein Schlagzeuger, den Organist und Bassist für ein Kind hielten, der aber eigentlich nur trommeln wollte. Jedenfalls sah Palmer sich nach Emersons Worten so.[3] Palmer hatte zwar eine solide Ausbildung an seinem Instrument absolviert und schon längst den Grundstein für eine Karriere im Rock-Bereich gelegt, hatte aber etwas übertriebenen Respekt vor der Musik, die Emerson und Lake planten. Deren Konturen aber zu diesem Zeitpunkt allenfalls nur zu erahnen waren. Palmer bezweifelte, ob er den Ansprüchen der beiden älteren Musiker würde genügen können. Emerson und Lake zerstreuten seine Bedenken und so wurde der junge Drummer der dritte Mann in dem neuen Trio.
Zwar stellten die drei Musiker ziemlich schnell ein Konzertprogramm zusammen, mit dem sie auftreten konnten, eine gemeinsam verantwortete Musik aber entstand nur langsam und zumindest in der ersten Zeit schwebte die Auflösung des Trios stets über dem ganzen Vorhaben. Emerson glaubte, in Lake und Palmer ebenbürtige musikalische Partner gefunden zu haben, die indessen seinen Ambitionen, eine Art Ernste Musik der Popmusik präsentieren zu wollen, ablehnend der eine, indifferent der andere gegenüber standen. Lake war vor allem an erfolgreicher Popmusik interessiert. Das Einstudieren von »Rondo«, einem Stück der Nice, nahm er noch hin, sein Basspart verlangte nicht allzu viel Engagement, und auch das Ausarbeiten eines Arrangements von »Pictures At An Exhibition« von Modest Mussorgsky stellte ihn wohl nicht vor innerliche Konflikte, zumal er innerhalb des Zyklus seinen Raum erhielt. Das änderte sich mit den Planungen zu »Tarkus«.
Der Zyklus, der erst sehr viel später »Tarkus« genannt wurde, hatte nach Emersons Worten zwei Keimzellen, einen Rhythmus von Palmer und ein Riff von ihm selbst.[4] Die beiden Musiker übten den Part ein und wollten ihn dann Lake vorstellen, um seine Meinung dazu zu hören. Mit dessen heftig ablehnender Reaktion hatten sie indes nicht gerechnet. Lake wollte diese Art von Musik nicht spielen, hielt sie nicht attraktiv für das von ihm anvisierte Rock- und Pop-Publikum und so machte er Emerson den Vorschlag, doch ein Solo-Album aufzunehmen, da könne er machen was immer er wolle. Emerson sah schon das Ende des Trios. Aber woran hatte sich der Dissens entzündet? An einem 5/4-Takt: Emerson hatte Lake das folgende Ostinato, also ein Riff, vorgespielt:
Emerson notierte die ostinate Figur für die linke Hand im 5/4-Takt, während Palmer sein Drum-Pattern im 10/8-Takt spielte, es aber in (2+2)+3+3 Teile zerlegte; auch Emersons Riff (linke Hand) ist sinnfälliger im 10/8-Takt zu notieren. Die von ihm referierte Ansicht Frank Zappas, dass 5/4-Takt und 10/8- dasselbe seien, stimmt zwar nicht – ersterer ist ein ungerader Takt, der sich metrisch nur in 2:3 oder 3:2 zerlegen lässt, letzterer ein gerader Takt, der von vornherein mehr Möglichkeiten der Zerlegung in sich trägt –, aber diese Frage spielt hier eigentlich überhaupt keineRolle.[5]
Lake hielt von der ganzen Sache zwar insgesamt nichts, ließ sich dann aber doch überreden, wenigstens an Probeaufnahmen teilzunehmen und gab seinen Widerstand schließlich auf.[6] Was Emerson in seiner Autobiographie nicht schrieb: Mehr noch als der 5/4- bzw. 10/8-Takt der Komposition dürfte Lake deren Quartenharmonik geschockt haben, steht sie doch in krassem Gegensatz zu dem, was er von Popmusik erwartete und er etwa mit seinem Jugendwerk »Lucky Man« bald vorführte: Einfache Dreiklangsharmonik.
Es gab keinen eindeutigen Sieger: Emerson wie Lake verfolgten von nun an ihre ureigenen Interessen mit ihren jeweils eigenen Kompositionen, Lake mit seinen Popsongs, Emerson mit seinem Hang zur traditionellen Kunstmusik – der im Übrigen sich immer weniger auf schon vorhandene Kompositionen bezog. Teil des »Waffenstillstands« war wohl die stillschweigende Übereinkunft, an den Kompositionen des jeweils anderen ohne größere Kritik mitzuwirken. Eben dieses Vorgehen hatte schon bei »Lucky Man« funktioniert – Emerson war von seinem Anteil an dem Song keineswegs überzeugt, eigentlich von dem ganzen Song nicht.[7] Sein Solo, gespielt auf dem Moog-Synthesizer, hielt er für mehr oder weniger gedankenlos hingedudelt, den gesamten Song für eine matte Kopie von Songs, die man eher mit der Musik von Crosby, Stills, Nash & Young verband. Vor allem fragte er sich, wie »Lucky Man« im Konzert präsentiert werden könnte. Dennoch wurde »Lucky Man« fertiggestellt und kam als A-Side der ersten Single der Band in die Schallplattenläden – der Song war sofort erfolgreich, gab damit Lake Recht und ließ Emerson verstummen. Eines der Argumente Lakes gegen »Eruption«, das Eröffnungsstück von »Tarkus«, war, dass derart komplizierte Musik nicht »kommerziell« genug sei, sich also möglicherweise schlecht verkaufe. Mit »Lucky Man« war diese Ansicht Lakes untermauert, sein Song war das Gegenbeispiel.
Bedeutsamer für die Zukunft aber war, dass Emerson nicht beachtet hatte, was es bedeutete, dass Lake sich nun als Produzent der Band sah. Ohne große Absprache und ganz real hatte Lake sich bei den Aufnahmen zum ersten Album an das Mischpult gesetzt, und während Emerson und Palmer sich ihren Instrumenten widmeten, den Produzentensessel, den in der Mitte am Mischpult, für sich reklamiert. Diesen Platz räumte er auch nicht, als es an das Mischen der jeweiligen Aufnahmen ging. So saßen schließlich zwar alle drei Musiker am Pult und hatten alle drei ihre Hände an den Reglern, aber auf dem Cover war dann als Produzent nur der Name Lakes zu lesen.[8]
Diese »Arbeitsteilung« – »du darfst den Produzenten geben, so lange du meine Kompositionen nicht antastest, ich mache dafür, was du für deine Kompositionen haben willst« – funktionierte einige wenige Jahre lang, für die Alben »Tarkus« (1971), »Trilogy« (1972) und »Brain Salad Surgery« (1973); nach der Veröffentlichung des Konzertalbums »Welcome Back, My Friends, To The Show That Never Ends« 1974 verstummte die Band für Jahre und trat erst 1977 mit »Works Volume 1« wieder in Erscheinung. Dieses Doppelalbum zeigte wie die bald folgende LP »Works Volume 2«, dass die Band nicht mehr funktionierte und damit eigentlich seit 1973 schon nicht mehr intakt war.
Es wäre verfehlt, dem britischen Punk den Niedergang des Progressive Rocks im Allgemeinen und der Band Emerson, Lake & Palmer im Besonderen anzulasten. Das insbesondere von Emerson und Lake schon 1970 angelegte Vorgehen, sich möglichst wenig in die Arbeit des anderen einzumischen, führte zwar zu Ergebnissen, aber wohl nicht zu den jeweils gewünschten und erwarteten. Emerson beschrieb das ein wenig bitter und beklagte, dass Lake wohl mal einen Text zu seinen, Emersons Kompositionen schriebe, ansonsten die Zusammenarbeit sich aber auf die Arbeit an der Abmischung beschränke – nach Emersons Worten mehr eine »Schlacht« als eine Zusammenarbeit.[9] Da diese Arbeitsweise ihren Tribut forderte, war eine Pause – eigentlich: Abstand zwischen den Musikern – 1973 unumgänglich geworden. Zu dieser Zeit war Punk noch eine Randerscheinung in den Vorstädten der Metropolen Großbritanniens.
Die Animositäten zwischen Emerson und Lake wie die unterschiedlichen Zielsetzungen hatten aber auch direkte Auswirkungen auf die Kompositionen, die dann doch gemeinsam zustande gebracht wurden. Schon »Tarkus« zeigt dies: Als Lake die Kröte des 10/8-Taktes von »Eruption« geschluckt hatte, störten ihn die zahlreichen anderen Takt- und Tonartwechsel in dem Zyklus nicht.[10] Für ihn selbst galt dies auch alles nicht: Seine Anteile – dazu gehörten alle Abschnitte mit Gesang – standen im 4/4-Takt, hatten einfache Harmonik und eine übersichtliche Form, zumal diese Arbeitsweise auch durchaus leicht zu suitenartigen Gebilden führen konnte, die in der Form sehr viel freier gehandhabt werden konnten als durchschnittliche Pop-Songs – Lake schrieb für diese Kompositionen der Band kaum einen Song »fertig«, also Verse, Chorus, Bridge. Emerson dagegen nahm in »seinen«, meist instrumentalen Bereichen wiederum keinerlei Rücksicht auf eventuelle »kommerzielle« Erwägungen: So lange die Band erfolgreich war, ließ man von Seiten des jeweiligen Labels die drei Musiker gewähren; das galt erst recht für das 1973 gegründete eigene Label der Musiker, Manticore Records. Und Emerson, Lake & Palmer waren zwischen 1970 und 1974 immens erfolgreich. So schrieb Emerson, was immer ihm interessant erschien: Hier ein Fugato, dort ein Arrangement einer Komposition von Béla Bartók oder Alberto Ginastera, hier Quartenharmonik, dort die »odd time signatures« und berüchtigten Taktwechsel.
Emerson, Lake & Palmer war sicherlich nicht die einzige Rockband, in der es ständig Reibereien gab: The Beatles, The Rolling Stones, Cream, The Who – all diese über Jahre äußerst kreativen Bands boten Beispiele ausgesuchter Boshaftigkeit der Musiker untereinander. Unter solchen Umständen ist es erstaunlich, dass ELP überhaupt noch Alben zustande brachte. Emersons Hoffnung jedenfalls, dass es besseren Musikern als Lee Jackson und Brian Davison leichter fallen würde, seine Vorstellungen von einer zeitgemäßen Rockmusik zu verwirklichen, hatte sich nur punktuell erfüllt. Möglicherweise hätte er, wie Lake es vorgeschlagen hatte, als Solo-Künstler seine Ziele tatsächlich leichter erreichen können.


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