When I ran, I galloped: Keith Emerson – Musiker, Komponist, Rockstar: The Nice

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Keith Emerson war als Musiker Mitglied zahlreicher Bands gewesen, zum Teil hatte er diese auch selbst gegründet. The Nice, 1967 zunächst als Backing Band für die amerikanische Soul-Sängerin P.P. Arnold zusammengestellt, machte sich gegen Ende des Jahres selbständig, als Arnold in die USA zurückkehrte. Dabei hatte das Quartett, zu dem neben Emerson der Gitarrist David O’List, der Bassist Lee Jackson und der Schlagzeuger Ian Hague gehörten, schon innerhalb der Auftritte von Arnold sich einen eigenen Zeitraum ausbedungen, für den die Musiker auch selbst Stücke schrieben. Emerson wollte Hague indes nicht in der Band haben, er wurde durch den Jazz-Schlagzeuger Brian Davison ersetzt. Die Besetzung mit Keyboards, elektrischer Gitarre, Bass und Drums war zeittypisch eine Standardbesetzung. Als aber O’List infolge seiner Drogenabhängigkeit immer wieder Auftritte verpasste, drängten die anderen Musiker ihn schließlich aus der Band. Er wurde nicht durch einen neuen Gitarristen ersetzt, obwohl Emerson zunächst Steve Howe, später bei Yes, überreden konnte, Mitglied von The Nice zu werden. Als Howe wenige Tage später dann doch absagte, gab Emerson die Suche auf, versuchte selbst, Gitarre wenigstens soweit zu lernen, dass er O’Lists Part übernehmen konnte, doch nahm er von diesem Ansinnen sehr schnell wieder Abstand. So war aus dem Quartett The Nice die Band The Nice geworden, die dann in der Trioformation ihre eigentliche Besetzung fand. Bereits in dieser Phase des Bestehens der Band, nach Veröffentlichung der ersten LP, war es Emerson, der die Initiative ergriff und The Nice, ein wenig auch notgedrungen, in ein Trio umformte. Es wird dabei nicht deutlich, was Jackson und Davison davon hielten, dass nun der Keyboardspieler das Sagen hatte, offensichtlich sahen sie The Nice tatsächlich als Emersons Band an, war er doch auch der Gründer der Backing-Band für P.P. Arnold gewesen; Emerson hielt die beiden Musiker »im Geschäft«.
Trios waren in der Rockmusik zwar nicht selten, wohl aber Orgeltrios, die eher im Jazz zu finden waren, bei denen aber häufig kein Bassist, sondern ein Gitarrist der dritte Mann war; den Bass-Part übernahm der Organist. Die Reduzierung der Besetzung vom Quartett zum Trio hatte für The Nice aber weit gravierendere Folgen als lediglich eine Reduzierung des Klangs. Wie die frühen LP zeigen, war das Quartett noch der seinerzeit aktuellen Popmusik verhaftet, die Songs trugen Titel wie »Flower King Of Flies«, »Tantalising Maggie«, »The Cry Of Eugene«, »Diamond Hard Blue Apples Of The Moon« und »Daddy, Where Did I Come From?«,[1] typisch für die Popmusik jener Zeit der Musik des Summer of Love und dem Psychedelic Rock verbunden. Auffällig waren lediglich die Songs »Rondo« und »America«, letzteres ein Arrangement der Komposition von Leonard Bernstein: Beides waren Instrumentals, in beiden gab Emerson den Ton an. Emerson flocht Improvisationen in »Rondo« ebenso ein wie Zitate aus der traditionellen Kunstmusik. Gesang gab es in beiden Stücken nicht, obwohl zu dieser Zeit außer Lee Jackson auch O’List und sogar Emerson selbst noch an das Mikrophon traten. Nach der Trennung von O’List erkannte Emerson den mangelhaften Gesang Jacksons als Problem, er selbst gab seine einschlägigen Versuche auf und fand sich mit Jacksons Gekrächze ab – das indes nicht wenige Fans ihm, Keith Emerson, zuschrieben.
Die beiden Probleme – mangelhafter Gesang, fehlender zweiter Instrumentalist – umging Emerson mit verstärktem eigenen Engagement. Die Stücke wurden vor allem im Konzert durch an den Jazz der 1950er-Jahre angelehnte Improvisationen und Anleihen bei der Kunstmusik in die Länge gezogen.[2] Der Charakter der Musik verschob sich vom Pop zu etwas Neuem, was die Beatles mit »A Day In The Life« 1967 angedeutet hatten, also Rockmusik, die aus jedweder Musik passend erscheinende Elemente übernahm, in Pop- und Rocksongs integrierte und zu einem schillernden Ganzen verband. Die Übernahme von Zitaten und kompositorischen Vorbildern aus der traditionellen Kunstmusik war nicht neu, im Jazz längst erprobt und auch in Pop- und Rockmusik hier und da schon aufgetreten.
Die Wendung lässt sich an der Musik der Alben »The Thoughts Of Emerlist Davjack« von 1967 und »Ars Longa Vita Brevis« (1968) ablesen: War die LP von 1967 noch innerhalb der Gruppe entstanden, so übernahm für »Ars Longa Vita Brevis« Emerson die Führung. Vor allem die Suite, die dem Album den Namen gab, ging auf Emersons Initiative zurück und enthielt mit »Acceptance „Brandenburger“« das Klassikrock-Stück jener Jahre schlechthin. Emerson hatte endgültig die künstlerische Dominanz in der Band eingenommen.
Zufrieden war er dennoch nicht, Jacksons Gesang blieb für ihn problematisch, denn um den aus dem Fokus zu nehmen, sah er nur die Möglichkeit, eben in seinen Kompositionen keinen Gesang einzuplanen. Er wollte aber The Nice nicht zu einer Instrumentalband machen, da deren kommerzieller Erfolg in der seinerzeit aktuellen Rockmusik absehbar eher gering einzuschätzen war. Aus diesem Blickwinkel war der Bruch der Band, den Emerson bald ein wenig hinter dem Rücken Jacksons und Davisons einleitete, weniger einem etwas überdimensionalen Ego geschuldet, als vielmehr dem Umstand, dass er einfach Jacksons Gesinge nicht mehr hören wollte.[3] So war die Hinwendung zur Instrumentalmusik nicht ein ausgetüftelter Plan, sondern schien ihm ausweglos, wenn Jackson weiter Mitglied der Band sein sollte. Seine Band sollte aber nicht als Instrumentalband enden, die Klassik und Jazz zu einem etwas angestaubten Ganzen verrührte, für das er kein Publikum sah. Seine Band sollte eine Rockband sein. Brian Davison wurde zum willkommenen Kollateralschaden – er war immer wieder mit Emerson aneinandergeraten, weil er sich in sein Schlagzeugspiel nicht hatte dreinreden lassen wollen. Ihm, dem Jazz-Schlagzeuger, war das alles schon zuviel Rock. Emerson stellte Jackson und Davison schließlich vor vollendete Tatsachen und löste die Band auf, nachdem er mit Greg Lake, zu diesem Zeitpunkt noch Sänger und Bassist von King Crimson, übereingekommen war, ein neues Trio zu gründen. Erwartungsgemäß waren Jackson und Davison nicht erbaut von der Auflösung der gerade prosperierenden Band The Nice, vor allem von der Art und Weise, wie Emerson die Gründung seiner neuen Band eingefädelt hatte.[4]
Es gab nur zwei Musiker, Sänger-Bassisten, die für Emerson und den Manager der Band, Tony Stratton-Smith, in Frage kamen: Chris Squire von Yes, der absagte, weil er sich nicht als Bassist und Lead-Sänger eines Trios sah, und Jack Bruce von The Cream, der aber festgeschrieben haben wollte, dass die zu gründende Band ausschließlich seine Kompositionen spielten sollte. Das kam für Emerson nicht in Frage. Dann wurde er auf Greg Lake aufmerksam.
Aber warum wieder ein Trio? Akitsugu Kawamoto sieht das geradezu tiefen-psychologisch: Weil Emerson als Kleinkind seinen Vater mit zwei Freunden, einem Schlagzeuger und einem Sänger, im Trio gemeinsam musizieren gehört hatte, dabei besonders die »Get-Together«-Atmosphäre mochte, schien ihm später, bei The Nice und bei Emerson, Lake & Palmer, das Trio die wünschenswerte Formation überhaupt zu sein.[5] Das ist einigermaßen gewagt und lässt sich auch nicht beweisen, schon gar nicht durch Aussagen Emersons selbst. Akitsugu Kawamoto lässt dabei zwei Dinge außer Acht. Zum Einen: The Nice war nicht als Trio geplant, sondern wurde es notgedrungen. Man hatte Steve Howe den freien Platz angeboten – vergeblich, der Gitarrist ging zu Yes –, und Emerson selbst hatte erwogen, wenigstens punktuell O’List zu ersetzen und Gitarrespielen zu lernen; dies gelang ihm nicht. Und zum Anderen: Emerson, Lake & Palmer war zwar der Personenanzahl nach ein Trio, eben drei Musiker, aber im Erscheinungsbild nach außen hin eine Rockband: Lake sang, spielte Bass, spielte Gitarre und war der Produzent der ersten Alben. Emerson selbst war aber auch mehr als bloß der Organist einer Rockband, der sich ab und zu auch an das Klavier setzte, sondern hatte mit dem Synthesizer ein neues Instrument in das Instrumentarium der Rockmusik eingeführt, das ihm die Freiheit und Auffälligkeit eines solistisch agierenden Gitarristen gab.[6] Während The Nice also eher dem klassischen Jazz-Trio ähnelte, in dem sich die Musiker im Wesentlichen auf ein einziges Instrument beschränken, bot Emerson, Lake & Palmer dem Hörer ein Ensemble, das viele Gestalten annehmen konnte, vom Jazz-Pianotrio (»Take A Pebble«, »The Only Way«) bis zum synthetischen Orchester (»Tarkus«, »Trilogy«). Die einst von Emersons Vater an seinen Sohn gerichtete Anforderung der »diversity« reichte bei ELP somit über die Stilistik hinaus in eine weitere Dimension.
Keith Emerson benötigte also in seiner neuen Band keinen Gitarristen, er wollte seine eigene Musik im Mittelpunkt wissen. Aus der Konstellation des Trios ergab sich für Emerson der Vorteil, nicht mit einem auf jeden Fall Raum beanspruchenden ständigen Gitarristen über seine Musik kommunizieren zu müssen. Dass er mit Greg Lake einen durchaus selbstbewussten und streitbaren Mann in sein Trio geholt hatte, wurde ihm wohl erst so recht klar, als es an die Aufnahmen zu der Suite »Tarkus« gehen sollte: Lake bedeuetete ihm, doch ein Solo-Album zu produzieren. Für Emerson vielleicht schlimmer noch: Der erste Chart-Erfolg der Band war mit »Lucky Man« ein Folk-Pop-Song Lakes.
Möglich, dass Emerson die »Get-together«-Atmosphäre in seinen Bands suchte. Gefunden hat er sie aber wohl eher bei The Nice als bei Emerson, Lake & Palmer. Was er bei ELP fand, kannte er aber auch schon: Druck und Wettbewerb.


Das PDF enthält das Kapitel „The Nice“ des Buches „When I ran, I galloped: Keith Emerson – Musiker, Komponist, Rockstar“. Das Buch wurde 2019 vom Halbscheffel Verlag veröffentlicht, ist inzwischen aber nicht mehr lieferbar. Nach einem Klick auf das Symbol öffnet sich ein Browser-Fenster, das die originale Druckdatei anzeigt; dieses PDF kann heruntergeladen und auf dem eigenen Computer gespeichert werden.