When I ran, I galloped: Keith Emerson – Musiker, Komponist, Rockstar: Der kranke Mann

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Keith Emerson beginnt seine Autobiographie[1] mit der Schilderung eines Krankenhausaufenthaltes im Oktober 1993. Es ist der dritte innerhalb weniger Jahre. 1988 wurde ihm ein Ganglion an der rechten Hand entfernt, 1990 ein Bruch des fünften Fingers der rechten Hand behandelt, und 1993 verursachten ein Nerv im rechten Unterarm und der Radialnerv des rechten Arms immer wieder mehr oder weniger lang anhaltende Schmerzen, die es ihm unmöglich machten, in gewohnter Weise Tasteninstrumente wie Klavier, Hammond-Orgel und Synthesizer zu spielen. Die Möglichkeit einer vollständigen Heilung ohne Operation war nicht gegeben, eine Operation trug ein unwägbares Risiko in sich. Emerson befand sich zu dieser Zeit in finanziellen Schwierigkeiten, ein Misslingen der Operation hätte zur Folge gehabt, dass er nicht mehr hätte Tasteninstrumente spielen können und seine Karriere als Rock-Keyboarder hätte beenden müssen.
Der Musiker entschied sich dennoch für eine Operation, die nach erstem Eindruck wohl auch recht gut gelang. Nach einiger Zeit war es ihm möglich, etwa auf demselben Niveau Klavier zu spielen wie vor der Erkrankung der Nerven. Doch es blieb nicht dabei, die Schmerzen kehrten schließlich zurück, beeinträchtigten aufs Neue sein Spiel und verstärkten seine Unsicherheit, ob er als konzertierender Musiker noch seinen eigenen und den Ansprüchen seines Publikums würde genügen können. Die unter anderem daraus resultierende Depression, verstärkt durch die Folgen jahrzehntelangen erheblichen Alkoholkonsums, könnte dem Entschluss, 2016 sich selbst zu töten, Vorschub geleistet haben.
Es ist einigermaßen schwierig, wenn nicht unmöglich, die Ursache für die Nervenerkrankungen auf seine Art, die Tasteninstrumente Klavier, Hammond-Orgel, Synthesizer und einige weitere elektrische Keyboards wie das Hohner D6 und das Mellotron zu spielen, zurückzuführen. Wenn er selbst seinerzeit auch versuchte, die Ursache seiner Nervenerkrankung darin zu sehen, dass er Anfang der 1990er-Jahre einmal in persönlichem Ärger heftig mit der rechten Faust gegen eine Wand schlug (und sich dabei möglicherweise den Bruch des fünften Fingers zuzog), so muss dies nicht den Tatsachen entsprechen.[2]
Da es weder in der etablierten »klassischen« Musik noch in Jazz oder Rock einen zweiten Instrumentalisten wie Keith Emerson gab und gibt, sind Vergleiche mit anderen Keyboard-Spielern und daraus ableitbare Erkenntnisse nicht möglich. Denn es gibt – etwa Rick Wakeman oder Jordan Rudess – durchaus Pianisten und Organisten in der Rockmusik, die spieltechnisch auf einem ähnlichen Niveau wie Emerson agieren, die aber weder allein im Mittelpunkt ihrer Bands stehen noch Shows in der Art vorführten, wie Keith Emerson dies jahrelang tat. Üblicherweise sitzen Pianisten und Organisten an ihren Instrumenten, und wenn es einen oder mehrere Gitarristen in einer Band gibt oder einen die Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Sänger, so halten die Keyboard-Spieler sich in der Regel im Hintergrund des Bühnenaufbaus. Emerson verband die Pianistik von »klassischen« Pianisten oder die gemessene Statuarik von Jazz-Pianisten mit der krakelenden Extrovertierheit eines Jerry Lee Lewis oder Little Richards. Das alles in für Musik eigentlich ungeeigneten Hallen und Stadien, auf weitläufigen Bühnen vor einem sich informell verhaltenden Publikum. Verfolgt man einen Konzertfilm von The Nice oder von Emerson, Lake & Palmer, so sieht man in der Regel einen äußerst angespannten, mitunter hypernervösen Emerson, der quasi »in der Performance« lebt.[3] Die persönliche Eigenart von Keith Emerson, auf der Bühne immer eine Flasche eines Alkohol enthaltenden Getränkes in Reichweite zu haben, mag ihr Übriges bewirkt haben.
Die Vielzahl der Instrumente, die Emerson im Laufe seiner Karriere nutzte, lässt sich grob in drei Kategorien einteilen:

? Das Piano, stets ein größerer Flügel, für die Konzerte mikrophoniert. Er selbst besaß zwei Flügel, einen Steinway & Sons Typ D-274, das ist ein Konzertflügel, und einen Steinway & Sons Typ C-227, ein etwas kürzerer Konzertflügel;[4] im Konzert war es meist, wenn verfügbar, ein Steinway D.

? Die Hammond-Orgeln vom Typ A 105, C 3 bzw. B 3 und L 100. Die L 100 gilt als »Emerson-Orgel«, doch benutzte er dieses Instrument nur auf der Bühne; Emerson besaß mehrere Orgeln dieses Typs.

? Diverse Synthesizer – zuerst ein modulares System der Firma Moog –, einen Minimoog-Synthesizer, später Synthesizer der Firmen Yamaha (GX-1), Roland und Korg (u.a. Wavestation, Oasys, Kronos). Zudem ein elektrisches Klavier vom Typ Hohner D6, kurzzeitig auch ein Mellotron.

Alle diese Instrumente erzwingen einen unterschiedlichen Anschlag, der eines Klaviers ist nicht mit dem einer Orgel und dieser nur wenig mit dem der Tastaturen von Synthesizern zu vergleichen. Zudem wird im Rock das Klavier entgegen seines Namens Pianoforte keineswegs Piano und Forte gespielt, sondern meist ausschließlich im Forte, trotz elektroakustischer Verstärkung. Der für diese Spielweise notwendige Kraftaufwand lässt sich natürlich nicht mit den Erfordernissen eines für manche Kompositionen und Bearbeitungen Emersons gebotenen dynamisch differenzierten Anschlags vereinbaren. Schließlich stellt der schnelle Wechsel vom Klavier zur Orgel oder zum Synthesizer-Keyboard, wie er in vielen Stücken von The Nice und ELP vorgesehen ist, höchste Ansprüche an den Bewegungsapparat des Instrumentalisten. Es mag auch eine Rolle spielen, ob ein Tasteninstrument der genannten Art im Sitzen oder im Stehen gespielt wird: Emerson spielte den Flügel beinahe ausschließlich im Sitzen, weil nur so die drei Pedale des Instrumentes korrekt verwendet werden können. Bei der L 100 wie auch bei der C 3 kann der Organist das Lautstärkepedal im unteren Teil des Gehäuses auch im Stehen erreichen, muss dabei aber auf dem linken Bein balancieren; möglich, dass dadurch temporär die Arme und damit die Hände anders und eventuell stärker belastet werden.
Während das Klavier zumeist in der bekannten »klassischen« Weise gespielt wird – also mit beiden Händen gleichzeitig –, wird die Hammond-Orgel vor allem mit der rechten Hand gespielt, während der Musiker mit der linken Hand das Leslie schaltet oder die Zugriegel herauszieht oder zurückschiebt; die Tasten der Manuale werden mit der linken Hand weniger betätigt, und dann oft nur die des unteren Manuals. Sowohl bei The Nice als auch bei Emerson, Lake & Palmer gab es mit Lee Jackson bzw. Greg Lake einen Bassisten, so dass Emerson als Organist nicht auch, wie bei vielen Jazztrios, den Basspart übernehmen musste. Gleichwohl setzte Emerson seine linke Hand häufiger ein als viele andere Organisten, dann aber eben auch häufiger in mittleren und hohen Lagen. Der von Emerson in der ersten Zeit bei ELP verwendete monophone Moog-Synthesizer schließlich kann nur mit einer Hand – dann also meist der rechten – traktiert werden, die linke ist frei für die Betätigung diverser Regler an Oszillatoren und Filtern oder für das Pitchbend-Rad. Alle diese Instrumente erfordern also eine spezifisch angepasste Spielweise, bei der aber beinahe durchweg die rechte Hand stärker belastet ist als die linke.
Die Frage, ob Keith Emerson eventuell eine falsche, Gelenke, Sehnen und Nerven stärker beanspruchende Spielweise benutzte, kann nicht sicher beantwortet werden. Da er keine akademische Instrumentalausbildung durchlaufen hatte, und auch keine sich darauf beziehende Aussagen von ihm oder anderen über seine pianistische Ausbildung bekannt sind, ist es nicht sicher, ob Emerson eine schonende Spielweise überhaupt im Blickfeld hatte. In Rechnung ist dabei eben zu stellen, dass es dazu – sieht man einmal vom Klavier ab – überhaupt auch kaum Erkenntnisse gegeben haben kann. Es gab vor Emerson keine Pianisten oder Organisten, die Klavier, zwei Orgeln und Synthesizer im Konzert spielten – und dazu auch noch eine gewisse Akrobatik samt gespielter Aggression vorführten. Und nach ihm hat es keiner mehr in dieser Weise versucht. Um all die Klänge zur Verfügung haben zu können, für die Emerson eben ein Arsenal an Tasteninstrumenten benötigte, genügt heute ein Keyboard wie etwa ein Kurzweil PC3X oder ein Korg Kronos, um nur zwei zu nennen; diese Instrumente sehen natürlich nicht spektakulär aus. Aber ob all diese Gegebenheiten der Jahre 1967 bis etwa 1973 an Erkrankungen wie den beschriebenen beteiligt sein können, muss dahingestellt bleiben; förderlich waren sie sicher nicht. In Rechnung gestellt werden muss aber auch, dass Emerson seinen Klavierunterricht im Alter von 14 Jahren beendete, zu einem Zeitpunkt also, als sein Körper noch nicht ausgewachsen war. Danach erwarb er sich weitere pianistische Fähigkeiten zumeist autodidaktisch, also ohne Kontrolle von außen.
Emerson war sich dieser Möglichkeit als Ursache seiner körperlichen Einschränkung bewusst und suchte nach der Operation im Jahre 1993 in der Tat spezifische Hilfe, um seine vormalige pianistischen Fähigkeiten wiederzuerlangen. Er begann eine Therapie bei der International Society for the Study of Tension in Performance (ISSTIP).[5] Ziel dieser in London beheimateten Institution ist es, den Musiker ganzheitlich zu betrachten und nicht nur mehr oder weniger akute medizinische Probleme zu lösen, sondern ihn auch dahingehend zu trainieren, etwa vorhandene »falsche« Bewegungsmuster zu erkennen und zu eliminieren. Auch die Bewältigung von Lampenfieber, unter dem Emerson zeitweise erheblich litt, gehört zum Hilfeangebot des ISSTIP.
Emerson half neben dem medizinischen Personal vor allem die Pianistin und Klavierpädagogin Carola Grindea, die er in seiner Autobiographie namentlich erwähnt.[6] Was Emerson nicht sagt: Wie lange er die Hilfe Grindeas in Anspruch nahm. Er sagte auch nirgends, dass er sich bereits in den 1970er-Jahren seiner pianistischen Probleme bewusst war: Nach seinem Tod veröffentlichte die Web-Site Slippedisc.com einige Nachrufe, teils von Freunden, teils von Fans Emersons; eine Art Kondolenzsammlung. Ein »John« berichtet von einem Konzert des Schweizer Pianisten Albert Ferber, das er in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre ein besuchte. Nach einiger Zeit wurde er gewahr, dass vor ihm Keith Emerson saß. Er kam in der Konzertpause ins Gespräch mit dem Rockmusiker und erfuhr, dass dieser Unterricht bei Ferber nahm, um zu versuchen, seine Spieltechnik zu verändern; Ferber hoffte, Emerson einen »more relaxed stressless approach« zu vermitteln. Dies schien ihm aber wohl nicht gelungen zu sein. »John«, selbst Schüler Ferbers, berichtet außerdem, Ferber wäre »ein wenig eingeschüchtert« von Emerson gewesen, kam der zu den Unterrichtsstunden doch stets in einem weißen Rolls Royce.[7] Emerson sammelte geradezu Motorräder, erwähnte aber sehr selten Autos, etwa seinen Morgan Plus 8, und nie einen Rolls Royce.
Die von Emerson zu ertragenden Schmerzen traten wohl immer wieder geradezu blitzartig auf, auch im Konzert. Eines der Videos der DVD »Emerson, Lake & Palmer – Beyond The Beginning« (2005) zeigt ihn beim Spiel von »Tarkus«; mitten in einem Solo zuckt sein rechter Arm plötzlich mehrmals für Bruchteile von Sekunden zurück, er muss Töne auslassen, dann kann er die Hand wieder benutzen. Dem vorangegangen war aber eine heftige Attacke auf die Tastatur der Orgel, bei der er seine rechte Hand rücksichtslos einsetzte.[8] Genau dazu passt die von Forrester referierte Vermutung eines Mitarbeiters des ISSTIP Jahre zuvor, dass er den rechten Arm und die rechte Hand zu stark auf die Tastaturen von Klavier, Orgel und Synthesizer drückt.[9] Nach Edward Macans Worten stammte diese Vermutung von Grindea. Der für die US-amerikanische Zeitschrift »Keyboard Magazine« arbeitende Journalist Dominic Milano berichtete in seinem Nachruf 2016, dass er schon sehr früh – er hatte Emerson 1977 kennen gelernt – bemerkt hatte, dass Emerson sehr tief vor der Tastatur des Flügels saß, wenn auch nicht »so tief wie Glenn Gould«, und die Unterarme seitlich weit vom Körper hielt, damit die Finger stärker belastete; Emerson wusste darum.[10]
Man darf bei all dem nicht außer Acht lassen, dass bei elektrisch verstärkten Keyboard-Instrumenten, und dazu gehört hier auch das »akustische« Klavier, der Zusammenhang zwischen Tastendruck und erzeugter Lautstärke fehlt: Auch eine nur leicht angeschlagene Klaviertaste kann bei nachfolgender elektroakustischer Verstärkung natürlich eine sehr große Lautstärke erreichen. Bei Keyboards mit elektromechanischer und elektronischer Tonerzeugung stellt sich der seltsame Effekt ein, dass mit aufgrund der Verstärkung steigender Lautstärke sich auch der Druckpunkt der Tastatur zu verändern scheint, nämlich schwergängiger zu werden.
Ein latentes Problem ist für viele – um nicht zu sagen: die meisten – öffentlich auftretenden Musiker das Lampenfieber, stage fright. Keith Emerson, ebenfalls von der Furcht vor Blamage heimgesucht,[11] versuchte dies auf verschiedene Weise zu überwinden, etwa mit Kokain, schließlich auch mit Hilfe eines Hypnotiseurs.[12]
Emerson selbst bezeichnete diese Behandlung als »extreme surreal treatment«, denn der Hypnotiseur hieß ihn die Augen zu schließen, um ihn dann mit Nadelstichen in die rechte Hand zu traktieren; abschließend murmelte er, dass Emerson »die alten Babyschuhe« nicht mehr benötige. Verständlich, dass Emerson diese zudem nicht ganz unblutige Therapie nicht weiter verfolgte. Zumal sie wohl auch nicht half. Stattdessen nahm die Band auf Tour neben dem üblichen Personal von Roadies, Ton- und Lichttechnikern auch einen Arzt mit, der den Organisten für die Auftritte dann »gesund spritzte« – wohl in ähnlicher Art, wie Leistungssportler einsatzfähig gemacht werden. Emerson ließ sich nicht weiter dazu aus, was ihm außer Vitamin B12 per Injektion verabreicht wurde und nahm es auch in Kauf, dass ihn die in den vorderen Reihen stehenden Konzertbesucher wegen seiner zerstochenen Arme für drogenabhängig halten mochten. Er brachte die medizinische Behandlung aber in Zusammenhang mit seinem Alkoholkonsum, den er in dieser Zeit auf ein Glas Wein vor dem Auftritt beschränkte.[13]
Emersons Alkoholkonsum war jahrelang ein Problem, das er selbst nicht als solches ansah, denn in seiner Autobiographie »Pictures of an Exhibitionist« spricht er es immer wieder mehr oder weniger unkritisch an.[14] Den meisten Pianisten ist es unmöglich, unter Einfluss auch von nur geringen Mengen Alkohol, gleichgültig in welcher Form, überhaupt spielen zu können.[15] Nicht so Keith Emerson: Auf der Bühne trank er Cognac, Rotwein, Spumante oder was auch immer. Jedenfalls sah es danach aus und sollte wohl auch den Eindruck erwecken, es hier mit einem Rockstar von echtem Schrot und Korn zu tun zu haben, der allemal und jederzeit einen Schluck verträgt.[16] Hier griff Emerson auf ein Bild vom »Rockstar« zurück, von dem er glaubte, dass ein Teil seines Publikums dies erwartete, demonstrierte damit aber auch, dass er selbst an die Wirkung dieses Bildes glaubte.
Emerson sprach auch ein in Literatur, Bildender Kunst und Musik allgegenwärtiges und offensichtlich ebenso zeitloses wie unlösbares Problem an: Alkohol als Initiator und Beschleuniger von Kreativität. Es spielt keine Rolle, ob diese Ansicht stimmt oder nicht, es scheint ein nur kleiner Effekt zu sein, wichtig ist, dass derjenige, der dies glaubt, den Effekt kennt und ihn dem Alkohol zuschreibt. Er hat dann einen nicht zu widerlegenden Grund, sein Verhalten nicht zu verändern. Bei Keith Emerson allerdings scheint die Penetranz, mit der er in seiner Autobiographie auf den ständigen Verbrauch von offensichtlich allgegenwärtigem Alkohol jeder Art hinweist, wie auch das Foto auf dem Cover von »Welcome Back My Friends …« zeigt und schließlich das auf der Rückseite des Covers von »Honky«,[17] das der versteckte Hilferuf eines Mannes zu sein scheint, der sich nicht nur in einer finanziellen, sondern auch in einer künstlerischen Notlage befand. »Alle Viere von sich zu strecken«, ist eben nicht nur ein Witz, es bedeutet auch, nicht mehr zu können und nicht mehr zu wollen.
Oder es stimmt dies alles nicht: Bereits 1974 fand sich in der britischen Musikzeitschrift »Melody Maker« in einem Konzertbericht die Aussage, dass die Cognac- und Rotweinflaschen, die auf vielen Fotos von EmersonsAuftritten zu sehen sind, vor allem mit Wasser gefüllt seien.[18] In seiner Autobiographie von 2003 liest sich das alles dann wieder ganz anders, da heißt es, dass es eben »cool« sei, auf der Bühne eine Flasche Weinbrand oder Rotwein Schlückchen für Schlückchen zu leeren. 2015 widerprach Emerson dann aufs Neue dieser Version und wiederholte, dass sich in den Flaschen hauptsächlich Wasser befunden hätte.[19] Es liegt der Schluss nahe, dass die Autobiographie gar keine komplett selbst geschriebene Biographie ist, sondern aus Skizzen und Teilen besteht, die dann im Verlag zusammengebaut und ein wenig in Richtung Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll »angeschärft« wurden.
2010 schließlich musste Emerson eine anstehende Tournee in Japan absagen, weil eine Darmerkrankung eine Operation nötig machte. In der Bekanntgabe des Grundes seiner Absage klang etwas Resignation mit.[20]
Es wäre indes falsch, die körperlich anstrengende und mental fordernde Lebensweise von Musikern – und dies gilt für alle Musiker – allein als Ursache für Krankheiten verantwortlich zu machen. Bei Keith Emerson dürften es vor allem die fast chronisch zu nennenden, dabei unberechenbar auftretenden Schmerzen im rechten Arm und in der rechten Hand gewesen sein – und die daraus resultierende permanente Befürchtung, nicht nur eventuell die finanzielle Grundlage seines Lebens zu verlieren, sondern auch seinen Lebensinhalt.
Keith Emerson hat über psychische Probleme, wenn er sie überhaupt als solche wahrgenommen hat, wohl kaum geredet, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit, nicht gegenüber Journalisten. In seinem Bild von sich als Rockstar hätte das auch keinen Platz gehabt, sieht sich der Rockstar doch als Einzelgänger, als singuläre Erscheinung, fast wie ein Outlaw, der nichts und niemand braucht. Aus begreiflichen Gründen thematisieren Journalisten, die den Musikern unter Umständen sehr nahe kommen, diese Seiten der Stars nicht. Es gibt natürlich auch Ausnahmen.[21]


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