Johann Sebastian Bach und die Rockmusik – Zitate, Paraphrasen, Bearbeitungen: Paraphrase

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Es gibt im Schallplattenwerk der Beatles nur ein einziges Zitat aus einer Komposition von Johann Sebastian Bach, das ist das kleine Einsprengsel der zweistimmigen Invention Nr. 8 F-Dur in dem Song »All You Need Is Love«. Es handelt sich um nur wenige Takte vom Beginn der Invention. Aber schon zu früheren Zeitpunkten hatten die Beatles im Verein mit ihrem Produzenten George Martin Stilzitate, auch aus der Kunstmusik, und Paraphrasen in ihre Songs eingebaut. An erster Stelle ist hier »Yesterday« aus dem Jahr 19651 zu nennen.
»Yesterday« gilt als Initialzündung des Progressive Rocks, wenn auch nicht als einzige.2 Dies als gegeben angenommen, wäre George Martin tatsächlich einer der »Urheber« des Progressive Rocks, denn auf seinen Vorschlag hin, ein klassisches Steichquartett als Begleitung hinzuzuziehen, hörte McCartney sich einige Aufnahmen eben dieser Besetzung an und willigte schließlich ein – wenn auch mit der Maßgabe für die Streicher, auf jegliches Vibrato zu verzichten.3 Seitdem sind kleinere und größere Streichensembles fester Bestandteil der Möglichkeiten zur Orchestrierung von Rock- und Popsongs.
»Yesterday«, der dann veröffentlichte Song, hat nun nichts mit dem Werk Johann Sebastian Bachs zu tun. Instrumentation und Arrangement rufen zwar Assoziationen zur Klangwelt beispielsweise der Streichquartette Joseph Haydns hervor, es gibt hier aber kein »echtes« Zitat, vielmehr handelte sich um ein Stilzitat. Stilzitate gab es in der Popmusik schon früher, wenn auch im Falle von »Yesterday« die Selbständigkeit des Satzes bemerkenswert ist. Von weit größerer Bedeutung aber ist, dass Martin mit seinem Vorschlag und dem von ihm geschriebenen Arrangement einen Weg zeigte, die Klangwelt der Kunstmusik in die Rockmusik zu integrieren, nämlich in Andeutungen. Offensichtlich wollte er nicht direkt aus einem bestimmten Werk der Kunstmusik zitieren. Vielmehr sah er die Möglichkeit, diese Klangwelt mittels der Paraphrase in einen Song einzubinden. Eines der ersten Ergebnisse dieser Technik war ebenso, fast zur selben Zeit, ein kurzes Klaviersolo in John Lennons Song »In My Life«.
Lennon hatte »In My Life« zwar geschrieben und auch weitgehend fertig gestellt, dabei aber einen Teil »frei« gelassen. Martin beschrieb den Stand der Dinge:4

»On the original version John left a hole in the song for an instrumental sec, and while he was away having dinner I recorded a keyboard solo like a Bach two part invention. He loved it, and it has remained an integral part of the song ever since«.

In seinen Memoiren »All You Need Is Ears« geht Martin nicht weiter auf »In My Life« ein.5 Die Liner Notes seiner CD erwecken den Eindruck, dass er während einer Aufnahmepause ein wenig auf dem Klavier probierte, etwas Passendes fand, aufnahm und Lennon nach dessen Rückkehr vom Mittagessen vorspielte. Lennon gefiel das Solo und so wurde es Bestandteil des Song. Im Notenbild haben die acht Takte in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit Bachs zweistimmigen Inventionen:
Aber ganz so einfach war es nach Aussagen Mark Hertsgaards wohl doch nicht:6 Zwar wurde »In My Life« an einem einzigen Tag aufgenommen – am 18. Oktober 1965 –, doch Martin spielte sein Solo keineswegs quasi »im Vorübergehen« ein. Lennon hatte einen Text geschrieben, zu dem er auch die Musik zumindest in Teilen verfasst hatte; Paul McCartney habe – so Lennon – lediglich ein wenig bei der harmonischen Ausgestaltung ausgeholfen und auch die Bridge beigesteuert. McCartney seinerseits reklamiert die komplette Musik für sich. Wie auch immer, Lennon fragte Martin nach einem Instrumentalsolo und bat um etwas »Barockes«, vielleicht dabei im Sinn habend, dass Martin für McCartneys »Yesterday« eben schon Ähnliches getan hatte. Martin schrieb die wenigen Takte und spielte sie auf einem Klavier ein. Da das Tempo des Songs zu hoch war, spielte er das Solo eine Oktave tiefer und relativ langsam und ließ später beim Overdubbing, am 22. Oktober 1965, das Band mit doppelter Geschwindigkeit ablaufen. Auf diese Weise stimmte einerseits das Tempo des Solos mit dem des Songs überein, andererseits aber wurde auch der nun »erhöhte« Klavierklang verändert: Der einzelne Ton wurde in der Länge ebenfalls halbiert und der Klang des Klaviers erhielt schärfere Konturen, so dass sich der Gesamtklang dem eines Cembalos stark annäherte. Dass es sich dennoch um ein konventionelles Klavier und nicht, wie hier und da angegeben,7 um ein elektrisches Klavier handelte, zeigt die Umkehrung des von Martin angewendeten Verfahrens mit Hilfe eines Audio-Editors.
»In My Life« ist im Prinzip ein Folk-Song, wenn er auch die eine oder andere Eigentümlichkeit aufweist. Der gesamte Song steht im Vier-Viertel-Takt, die Tonart ist A-Dur. Der formale Ablauf des gesamten Songs stellt sich wie folgt dar:

Einleitung | Strophe1 | Bridge1 | 2 Takte der Einleitung | Strophe2 |Bridge2 | Strophe3 (Klavier-Solo) | Bridge3 | Coda

Sämtliche Teile bestehen im Grunde zwar aus Perioden zu je acht Takten, doch sind zwischen der ersten Bridge und dem zweiten Verse die ersten beiden Takte der Einleitung eingefügt und die Strophen bestehen aus zwei harmonisch gleichen Teilen zu je vier Takten. Es gibt keinen Refrain, statt dessen ganz im Sinne von Balladen Bridges, von denen die erste einen Text aufweist, der von dem der zweiten und dritten Bridge abweicht; die Texte von Bridge2 und Bridge3 sind identisch. In der Coda tritt auf die Worte »love You« für einen Takt ein Wechsel vom 4/4-Takt zum 2/4-Takt auf – wieder einer der Fälle, in denen Lennon die Musik kurzerhand den Gegebenheiten des Textes anpasst –, danach ein konventioneller Schluss, der aus der Einleitung generiert wurde und von der Dominante E-Dur auf die Tonika A-Dur fällt. Martins kleines Instrumentalsolo besteht ebenfalls im Wesentlichen – sieht man einmal vom Abgang in Zweiunddreißigstel-Werten ab –, aus zwei identischen Teilen.
Martin nennt in den Liner Notes zu seinem Album »InMy Life« als Quelle der Inspiration die Zweistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach, das könnte etwa die zweistimmige Invention h-Moll, BWV 786 (Ausriss), gewesen sein:
Oder auch die Invention Nr. 14 B-Dur BWV 785:
In den wenigen Takten, die Martin zur Verfügung standen – es sind ja tatsächlich nur vier – lässt sich allerdings ein kompositorischer Gedanken nicht ausformulieren. So gibt es keine echte melodische Imitation, sondern lediglich eine rhythmische, etwa durch die Wechsel von Sechzehntel- zu Achtel-Werten, die sich in beiden Stimmen finden. Diese Stimmen sind unabhängig voneinander, Imitation findet nicht statt. Wohl aber hat Martin stilsicher einige typischen Merkmale barocker Klavierkomposition nachgeahmt – die sich indes nicht nur bei Bach finden, sondern auch etwa in Werken von Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann –, es dienten also rhythmische Motive wie:
und rhythmisch-melodische Motive wie:
als Grundlage für das Klaviersolo.
Als Ganzes wirkt der instrumentale Einschub natürlich wie ein Zitat aus einer vorhandenen Komposition aus älterer Zeit, doch war es sicherlich die Absicht weder Martins noch Lennons, hier auf musikalische Bildung hinzuweisen, als vielmehr, mit diesem barockisierenden Instrumentalsolo die Atmosphäre des Songs zu verstärken. Barocke Kunstmusik wird allemal mit »alt, vergangen, ehrwürdig« konnotiert. Denn Lennons Folk-Ballade gehört zu den »I Remember«-Songs, die ab 1965 vermehrt im Repertoire der Beatles auftraten. In diesen Songs – zu denen etwa »Yesterday«, »Norwegian Wood«, später vor allem »Strawberry Fields Forever«, »Penny Lane« und auch »Glass Onion« gehören – beschwören sowohl Lennon als auch McCartney ihre eigene Vergangenheit herauf.8 Martin erkannte dies und gab mit seinen Arrangements und Stilzitaten kleine Hinweise auf die »rückblickende« Gestik des Songs.
Seinerzeit sagte Martin nichts zu seiner kleinen Komposition für »In My Life«, und in seinen Memoiren »All You Need Is Ears« weder dazu noch zu dem Song überhaupt, obwohl es gerade dieser war, der seinem letzten, unter eigenem Namen produzierten Album den Namen gab; das obige Zitat stammt aus dem Booklet zu dieser CD. Martin versichert darin, dass ihm die Inspiration zu seinen zweimal vier Takten die Zweistimmigen Inventionen von Bach gaben.9 Ein Hörer, der die Kompositionen Bachs nicht kennt, wäre möglicherweise nicht auf die Idee gekommen, dass dieses Klaviersolo Vorbilder hat.
Es gibt bei der amerikanischen Band Chicago einen ganz ähnlichen Fall. 1968 gegründet, legte die Band ab 1969 in schneller Folge drei Doppelalben und ein Vierfach-Live-Album vor. Politisch engagiert und künstlerisch ambitioniert zeigen besonders die Alben »Chicago II« und »Chicago III« das Potential der Band. In der Besetzung war Chicago – wie sich die Band nach Veröffentlichung des unter dem Bandnamen Chicago Transit Authority präsentierten ersten Albums nannte – eine Rhythm’n’Blues-Band, wie sie etwa in zahllosen Soul-Aufnahmen zu hören ist: Der obligaten Rockband – elektrische Gitarre, elektrischer Bass, Orgel und Klavier, Schlagzeug – stand ein Bläsersatz – Trompete, Saxophone und Flöte, Posaune – gegenüber. Kategorisiert wurde Chicago wie auch die ähnlich besetzte Band Blood, Sweat & Tears als Jazzrock-Band, doch fanden sich im Repertoire beider Bands auch veritable Pop-Songs. Aus Improvisationen entstandene Instrumentalsoli unterschiedlicher Länge spielten besonders in den ersten Jahren der Karriere von Chicago eine große Rolle, das zweite und das dritte Album waren aber von mehreren ausgedehnten Zyklen geprägt, in denen Songs oder Teile von Songs mit mehr oder weniger eigenständigen Instrumentalteilen zu größeren Gebilden zusammengefügt wurden. Für Zyklen dieser Art hat sich in der Terminologie der Terminus »Suite« eingebürgert; mit diesem Begriff wird bewusst auf die barocke Suite verwiesen.10

Das »Ballet« hat eine zeitliche Ausdehnung von fast 13 Minuten; es umfasst sieben größere Abschnitte in unterschiedlichen Ton- und Taktarten:

1. »Make Me Smile«
2. »So Much To Say, So Much To Give«
3. »Anxiety’s Moment«
4. »West Virginia Fantasies«
5. »Colour My World«
6. »To Be Free«
7. »Now More Than Ever«

Vorangestellt ist der LP-Fassung eine instrumentale Einleitung, die, anders als in der Single-Fassung, einen so großen Raum einnimmt – 16 Takte –, dass auch die Bezeichnung »Ouvertüre« nicht ganz falsch wäre, zumal sie dramatische Elemente – Crescendi, ostinate Achtel-Schläge, die nur von Gitarre, Bass und Schlagzeug über zwei Takte ausgeführt werden, ein langer Wirbel auf der Snare Drum im 16. Takt – enthält, die auf die erste Strophe zusteuern. Die Teile der Komposition gehen ohne Pause ineinander über, mitunter durch instrumentale Zwischenspiele verbunden; diese Zwischenspiele dienen meist dazu, von Tonart zu Tonart zu wechseln, auch, um Tempo und Taktart ändern zu können – im Prinzip handelt es sich um Techniken, die auch zur Erzeugung von Potpourris eingesetzt werden. Der Grund dürfte darin zu sehen sein, dass Tonarten, die für die Bläser geeigneter sind, andere sind, als die, in denen die Sänger leicht singen können. »Make Me Smile«, »So Much To Say«, »Colour My World« und »Now More Than Ever« enthalten vokale Abschnitte – teils im Solo-, teils im Satzgesang –, die anderen sind ausschließlich instrumental gehalten. »Now More Than Ever« ist die Reprise von »Make Me Smile«. Nachdem die LP veröffentlicht worden war, fehlte eine kurze Fassung eines Songs für die Veröffentlichung einer Single, so dass aus »Make Me Smile« und der Reprise ein konventioneller Rocksong von knapp drei Minuten Länge zusammengeschnitten wurde. Die jeweils letzten zwei Takte jedes Chorus’ unterscheiden sich geringfügig: Der erste Chorus leitet über As-Dur auf die zweite Strophe, der zweite Chorus hingegen über B-Dur auf ein instrumentales Intermezzo.


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