Johann Sebastian Bach und die Rockmusik – Zitate, Paraphrasen, Bearbeitungen: Inspiration

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Inspiration ist der Hauch der Musen, der das künstlerische Werk erst in Gang bringt. Was Inspiration aber genau ist, ist nicht bekannt. Es kann alles Mögliche sein, im Falle von Musik beispielsweise – und das nicht selten – andere Musik. Hat sich die Inspiration erst einmal eingestellt, ist der Inspirierte auch keineswegs sicher, ob die Inspiration nicht vorher schon einem anderen gegeben war. Ein Musiker sucht also in anderer Musik, selbst wenn ihn die Inspiration im Traum, im Schlaf überraschte. Er hat die andere Musik »im Nacken«. Bekannt ist Paul McCartneys »Inspirationsgeschichte« zu »Yesterday«:

»I just rolled out of my bed one morning and … just got the tune, I was so proud of it. I felt it was an original tune, it didn’t copy off anything.«1

Diese Aussage wuchs zur Legende, denn aus der morgendlichen Eingabe wurde bald die Behauptung, die Melodie sei ihm im Traum eingefallen.2 Bemerkenswert sind weniger die Umstände der Inspiration, als vielmehr, dass es zunächst nur die Melodie gab und der Text erst viel später entstand. Klar war wohl, dass es nicht bei dem Arbeitstitel »Scrambled Eggs« bleiben würde. Über die Originalität der Melodie war sich McCartney nicht sicher, sondern fürchtete, dass ihm eine Melodie eingefallen sein könnte, die längst bekannt sei, es sich also um einen Fall von Kryptomnesie seinerseits handeln könnte. So arbeitete er den Song zunächst nicht aus, sondern spielte ihn jedermann vor, von dem er annahm, er könne ihm bei der Suche nach dem Ursprung der Melodie behilflich sein. Tatsächlich schien es ein originärer Einfall gewesen zu sein, und so wurde aus »Scrambled Eggs« schließlich »Yesterday«; den Einfall hatte McCartney wohl Ende 1963, veröffentlicht wurde der Song 1965. Ian MacDonald zitiert McCartney in Hinblick auf Inspiration in der Musik:

»Waking one day with the tune running through his head, he stumbled to a piano to work out the chords. In effect YESTERDAY fell fully-formed, out of the sky. ‚When you’re trying to write a song,‘ he later observed, ‚there are certain times when you got the essence, it’s all there. It’s like an egg being laid – not a crack or flaw in it.«3

Das Wesen der Inspiration scheint also selbst den Musikern mirakulös und vielleicht auch ein wenig unheimlich zu sein, denn die Ursache für einen Einfall bleibt im Dunkel.
Bei anderer Gelegenheit wusste McCartney genau die Quelle der Inspiration zu benennen. Für seinen Song »Blackbird«4 nahm er 1997 eine Komposition von Johann Sebastian Bach in Anspruch, die Bourrée aus der Suite in e für Laute BWV 996, eben die, die später von den Bands Bakerloo und Jethro Tull für eigene Bearbeitungen verwendet wurde:5

»The original inspiration was from a well-known piece by Bach, which I never know the title of, which George and I had learned to play at early age; he better than me actually. Part of its structure is a particular harmonic thing between the melody and the bass line which intrigued me. Bach was always one of our favorite composers; we felt we had a lot in common with him. For some reason we thought this music was very similar to ours and we latched on to him amazingly quickly. We also liked the stories of him beeing the church organist and wopping his stuff out weekly, which was rather similar to what we were doing. We were very pleased to hear that. I developed the melody on guitar based on the Bach piece and took it somewhere else, took it to another level, then I just fitted the words to it.«6

Krerowicz merkt zu Recht an, dass es zwischen Bachs Bourrée und McCartneys »Blackbird« keine Gemeinsamkeiten gibt, außer der, dass die Bourrée auch auf der akustischen Gitarre gespielt werden kann, wenn auch nicht – wie von McCartney bei »Blackbird« – auf einer mit Stahlsaiten. Streng genommen stimmt ja noch nicht einmal das, denn Bachs Komposition ist für eine Laute bestimmt gewesen.7 Es gibt mithin überhaupt keine Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Kompositionen.8
In dem Film »Chaos And Creation At Abbey Road« von 2005 kommt McCartney auf die Bourrée und »Blackbird« zurück: Er erzählt, dass er und George Harrison Bachs Stück autodiaktisch erlernten – ohne den genauen Titel geschweige denn die Partitur zu kennen. In dem Film spielt McCartney dann die ersten paar Takte wie er sie im Gedächtnis hat; hier der Anfang der Bourrée, wie sie Bach notierte:
Und wie Paul McCartney sie dann spielte:9
Die Ähnlichkeit ist zwar vorhanden, aber McCartneys Version ist natürlich einigermaßen entfernt von der Vorlage. Gleichwohl ist seine Version in der Tat Vorbild für eine Wendung in »Blackbird«:
Eine solche Stimmführung hätte es zu Bachs Zeiten wohl kaum gegeben; Parallelführungen waren zwar bis auf Quint- und Oktavparallelen nicht generell verboten, aber waren sicher nicht üblich. Bei McCartney sind sie das Verbindungstück zwischen »seiner« Bourrée und »Blackbird«. »Blackbird« ist zwar in der Tat von der Bourrée inspiriert, aber von der in McCartneys Version. Dennoch ist Auslöser der Inspiration natürlich Bachs Komposition, wenn auch indirekt, über den Umweg des Missverständnisses. Für McCartney ist dies unerheblich, ohne Bach wäre er nicht auf »Blackbird« gekommen.
Im Grunde ging McCartney bei »Penny Lane« nicht anders vor: Er hatte die Brandenburgischen Konzerte gehört und war angetan von dem Klang und Effekt der Trompeten im Brandenburgischen Konzert Nr. 2. So kam es zu den charakteristischen Trompeten-Einwürfen in seinem Song. Dabei handelt es sich nicht um Zitate, sondern um Paraphrasen – McCartney macht es »so ähnlich« wie Bach, voraus ging eine direkte Inspiration. Bei »Blackbird« ist es noch nicht einmal eine Paraphrase, sondern originaler McCartney.
Eine Inspiration muss sich also keinesweg im Werk des »Inspirierten« zeigen, er muss noch nicht einmal darüber reden. Ebensowenig muss ein Komponist dies im Falle einer Paraphrase tun. Entweder aber er tut es hier oder aber macht die Inspiration zu seiner Paraphrase durch die Paraphrase selbst kenntlich.
Die Inspiration als Resultat der Auseinandersetzung mit einem fremden Werk ist aber nicht nur für die Paraphrase Voraussetzung, sondern auch – und dann nicht zu verschleiern – für das Zitat, das Arrangement und die Bearbeitung. Letztere aber kann sich wieder von der Ursache der Inspiration entfernen und zum Eigenen führen.


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