Johann Sebastian Bach und die Rockmusik – Zitate, Paraphrasen, Bearbeitungen: Vorwort

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Johann Sebastian Bach wäre heute ein sehr reicher Mann – wenn er noch leben würde. Die Vielzahl der Aufführungen von Kantaten und Instrumentalkonzerten, die zahllosen Langspielplatten und CDs, die von gleich mehreren Verlagen herausgegebenen Partituren seiner Werke würden für einen stetigen Strom an Honoraren und Tantiemen sorgen. Bach ist für Musiker ein zuverlässiger Arbeitgeber, heute mehr denn je. Seiner Musik kann man nicht ausweichen, sie ist beinahe allgegenwärtig.
Dazu ist es noch nicht einmal notwendig, in den Konzertsaal oder eine Kirche zu gehen, um eine oder mehrere seiner Kompositionen zu hören. Auch muss man nicht unbedingt eine der CDs eines etablierten »Klassik«-Labels zu kaufen. Man kann der Musik zufällig begegnen, wenn dann auch vielleicht nicht in ihrer originalen Gestalt. Denn längst haben auch Jazz-, Rock- und Popmusiker sich der Werke des Thomaskantors bemächtigt, und die Melodien etwa der Toccata d-Moll oder des Choralsatzes »Jesus bleibet meine Freude« in ein für ihre jeweilige Musik typisches Klanggewand gesteckt oder gar als Ausgangspunkt eigener Kompositionen verwendet. Nach einer Legitimation fragten sie nicht lange, sondern legen seit den 1920er-Jahren Paraphrasen zu diversen Kompositionen Bachs vor, gleichermaßen Arrangements und Bearbeitungen. Ein erster Ausdruck des Bestrebens, Bachs Musik mit Elementen des frühen Jazz zu vereinigen, stammt von Paul Hindemith, also einem Komponisten aus dem Bereich der »E-Musik«. Danach widmeten sich Jazzmusiker wie Django Reinhardt und Stephane Grapelli ähnlichen Experimenten. Ihnen folgten in den 1950er-Jahren amerikanische Jazzmusiker, dann aber vor allem der französische Pianist Jacques Loussier mit seinem Trio Play Bach. Nicht zuletzt seinen Schallplatten ist es zuzurechnen, dass Rockmusiker Johann Sebastian Bachs Musik für sich entdeckten und etwa seit Mitte der 1960er-Jahre versuchen, einige seiner Kompositionen mit ihren Rockstücken zu vereinigen. Seitdem ist die Verwendung Bach’scher Werke in der Rockmusik bis in jüngste Zeit präsent, mal mehr – etwa in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre –, mal weniger, so seit Mitte der 1970er-Jahre. Dennoch: Der Besucher eines Konzertes der britischen Band Muse bekam im neuen Jahrhundert vielleicht den Song »Plug In Baby« zu hören, eine gekonnte Verquickung von Rock und Bruchstücken aus besagter Toccata d-Moll.
Um diese Verbindungen, die Zusammenführung von Kompositionen Johann Sebastian Bachs mit Rockmusik, geht es in diesem Buch. Das Phänomen hat seine Geschichte, die zunächst vorgestellt wird, ausgehend von Hindemiths Bearbeitung der c-Moll-Fuge aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Claviers, über die verschiedenen Versuche im amerikanischen und europäischen Jazz bis hin zu den ersten Beispielen aus der Popmusik. Auf diesen Vorläufern basieren die Songs einiger Rockgruppen der 1960er-Jahre, Procol Harum und The Nice seien genannt, aber auch die Beatles haben zur Verbreitung der Musik Bachs in der Rockmusik beigetragen. Zeitweilig war die Strömung innerhalb der Rockmusik so stark, dass sich die Begriffe »Baroque Rock« und »Klassikrock« herausbilden konnten. Das Werk Johann Sebastian Bachs spielte dabei eine herausragende Rolle.
Auf die Ausbreitung der Geschichte des Klassikrocks folgt die Erörterung der Methoden der Bearbeitung von vorhandenen Kompositionen und deren Anpassung an das Rock-Idiom. Die Frage der Inspiration steht am Beginn der Übernahmen, unerlässlich dann die Dekonstruktion der Vorlagen und ebenso notwendig schließlich der Entschluss, etwas Vorhandenes aus einem anderen Bereich der Musik als der Rockmusik entweder in Paraphrasen nur nachzuahmen, oder aber zumindest in Teilen wörtlich zu übernehmen. Der Unterschied zwischen bloßem Arrangement und der Bearbeitung, die mehr oder weniger rücksichtlos in den Text der Vorlage eingreift, wird im letzten dieser Kapitel dargestellt. In allen Kapiteln werden diverse Beispiele aus der Rockmusik der Jahre von 1965 bis 2010 gegeben, teils auch in Notenbeispielen gezeigt. Ein wichtiger Teil zu dem gesamten Thema ist die Diskographie, die nicht nur die im engeren Sinn zum Thema gehörenden Beispiele nennt, sondern auch einige, deren Zugehörigkeit zur Rockmusik nicht ganz so eindeutig ist. Ein Literaturverzeichnis und ein Register vervollständigen das Buch.
Das neben dem vordergründigen Thema auch ein »heimliches« zweites hat. Themenkreise wie »Inspiration«, »Dekonstruktion«, »Paraphrase«, »Zitat«, »Arrangement« und »Bearbeitung« haben nämlich auch Dimensionen neben dem konkreten Beispiel. Zum einen ist das die juristische, die im vorliegenden Buch aber nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Vielmehr steht im Vordergrund, was diese Begriffe überhaupt bedeuten: Was zum Beispiel macht eine Paraphrase als solche kenntlich? Wann schlägt sie um in ein Zitat? Ist Um-Instrumentierung schon »Bearbeitung«? Ist die notwendige Dekonstruktion der Vorlage tatsächlich »Zerstörung«? Ist es möglich, eine Komposition zu zerstören? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Rock, Jazz und der klassischen traditionellen Kunstmusik, zu der die Musik Bachs gezählt wird, und wenn ja, worin bestehen sie? Dies alles ist natürlich die Frage nach dem Original, die, was dessen Originalität ausmacht, und ob man diese auflösen und die Bruchstücke gültig in eine andere Musik tragen kann. Zu all diesen Fragen kann das Buch zwar keine »fertigen« Antworten geben, aber die Diskussion ein wenig von den bloßen urheberrechtlichen Fragestellungen wegführen. Das schließt auch die simple Frage nach dem »Warum?« ein. Die Phänome »Zitat« und »Bearbeitung« haben ja nicht unbedingt einen guten Ruf, sondern werden entweder als lästiges, mitunter aber notwendiges Übel abgetan – durch die Bearbeitung von vorhandenem Fremden kann man lernen, Bach selbst hat es vorgemacht –, oder aber als Ausdruck einer gewissen »Cleverness« gesehen – wenn nicht gleich als »geschäftstüchtig«. Denn Bearbeitungen können durchaus auch kommerziell lukrativ sein, und der Erfolg etwa der Toccata d-Moll BWV 565 ist so deutlich, dass Organisten unter sich sie auch gern mal »Die Epidemische« nennen.

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Dieses Buch kann zwar für sich allein stehen, doch ist es neben »Canterbury Scene – Jazzrock in England« und »Wie die Jungs aus Liverpool – Beatles-Songs ohne Lennon/McCartney« auch eine detaillierte Ergänzung zu meinem Buch »Progressive Rock – Die Ernste Musik der Popmusik«. Themen, die dort nicht in aller Breite behandelt werden konnten, haben in diesem und den zwei genannten Büchern ihren Raum. Arrangements und Bearbeitungen einiger Werke Johann Sebastian Bachs in der Rockmusik sind ja nur ein Teil des so genannten »Classical Rocks« – so die Bezeichnung der Rockstücke, die direkt Bezug auf Kompositionen der Kunstmusik Bezug nehmen. An diesen Rock-Kompositionen lässt sich exemplarisch zeigen, auf welche Weise Rockmusiker sich diese Musik aneigneten, also für Eigenes nutzten.
Dem Thema »Johann Sebastian Bach und die Rockmusik« habe ich mich bereits mehrmals gewidmet, bisher aber noch nicht in dieser Ausführlichkeit. Entweder wusste ich immer noch zu wenig, oder aber es gab nicht ausreichend Platz, um das langsam wachsende Wissen umfassend ausbreiten zu können. Mittlerweile ziehen derartige Arrangements und Bearbeitungen längst nicht mehr ein so großes Interesse auf sich wie noch in den 1960er-Jahren. Das Thema scheint – was die Rockmusik betrifft – abgeschlossen, wenn auch es immer wieder mal auffällige Beispiele gibt, genannt sei »Plug In Baby« von der britischen Band Muse. Nimmt man das Gebiet aber als abgeschlossen, so ist es möglich, grundsätzliche Fragen wie die nach der Inspiration, nach der Originalität zu stellen und diese abseits von gängigen urheberrechtlichen Prämissen zu beantworten. Dazu soll dieses Buch einen Beitrag liefern.

 

Bernward Halbscheffel
Leipzig, im Januar 2018


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