Wie die Jungs aus Liverpool – Beatles-Songs ohne Lennon/McCartney: Baukasten

Posted on by

Form

Ausschließlich Liedform, keine kompletten Bluesformen. Dabei können die üblichen Elemente – Verse, Chorus bzw. Refrain, Bridge – frei gehandhabt werden. Es kann also beispielsweise auf eine Bridge verzichtet werden. Umgekehrt aber ist es auch möglich, die Bridge auszuweiten. Ebenso können zwei verschiedene Verses verwendet werden.

Tempo

80 bis 100 beats per minute (Viertel); ausnahmsweise auch andere Tempi.

Gesang

Sologesang, Satzgesang (Chor, auch unisono), Vokalisen (auch Glissandi), gesprochenes Wort, Samples (von diversen Quellen, etwa Mittelwellen- oder Kurzwellen-Rundfunk)

Instrumente

Streichinstrumente:
Bevorzugt werden Violinen und Violincelli, beide auch in Gruppen, also mehrere Instrumente gleichen Typs, verwendet, beispielsweise drei Violoncelli. Neben konventionell dynamischer Spielweise werden insbesondere die Celli häufig im Forte und ohne Vibrato gespielt, Klangschönheit ist dabei nebensächlich. Ensembles sind entweder Streichquartett (zwei Violinen, eine Viola, ein Violoncello) oder in der Besetzung verdoppeltes Streichquartett.

Holzblasinstrumente:
Große Flöte, auch mehrfach besetzt, Oboe, Englisch Horn, Fagott. Ensembles werden in der Regel nicht gebildet, sind im Einzelfall aber natürlich denkbar (»Strawberry Fields Forever«, »When I’m 64« ). Saxophone werden im Einzelfall eingesetzt, dann auch mehrere; Klarinetten finden seltener Verwendung, je nach Thematik des Songs (»When I’m 64«, »Honey Pie«), oft, um älteren Jazz nachzuahmen.

Blechblasinstrumente:
Piccolo-Trompete (Typ: »Penny Lane«, »Only A Northern Song«), Trompete, Flügelhorn, Horn (auch mehrfach besetzt, Typ »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band«); bei größerer Besetzung kommen vor allem Bügelhörner (Althorn, Tenorhorn, Euphonium, Tuba) in Betracht. Blechblasinstrumente können auch durch Synthesizer ersetzt werden (Typ: »Maxwell Silverhammer«); in diesem Falle kommen weniger die entsprechenden Sound-Programme in Frage, sondern der Klang muss aus dem Sägezahn-Klang nachgeformt werden.

Elektrische Gitarren:
Rickenbacker 325, 425, Fender Stratocaster

Akustische Gitarren:
Instrumente mit sechs oder 12 Seiten, meist piano

Elektrische Bassgitarren:
Höfner Violinbass, Rickenbacker 4000, 4001

Tasteninstrumente:
Flügel werden nur selten eingesetzt (Blüthner für »Let It Be«), stattdessen konventionelle Klaviere, auch verstimmte Instrumente, außerdem wird der Klang so manipuliert, dass er vor allem im Bass nicht zu dominant wird. Klavierklänge werden auch gedoppelt. Elekrische Klaviere, etwa von Wurlitzer, Hohner oder Fender werden selten eingesetzt. Zentrales Instrument ist das Mellotron, dessen Flöten obligatorisch für Songs verwendet werden, die etwa »Strawberry Fields Forever« nachempfunden sind; dabei kommen sowohl die einzelne Flöte, als auch das Ensemble in Frage.

Percussion:
Drum Set (»Ringo«-Aufbau mit Bass Drum, Snare Drum, ein oder zwei Hänge-Tom-Toms, ein Stand-Tom-Tom, Hi-Hat, ein Ride Becken, ein oder zwei Crash Becken); Snare und Toms können stark gedämpft sein (bis hin zum Abdecken der Schlagfelle mit Tüchern); der Klang einzelner Trommeln kann auch mit Hall versehen sein, wie auch der Klang durch Manipulation der Bandgeschwindigkeit verändert werden kann; diverse Klein-Percussion, insbesondere Maracas und Schellenring.

Effektgeräte

Leslie-Kabinett, Hallraum/Hallgerät, Fuzz-Box, Phaser/Chorus elektronisch (auch mechanisch), Wahwah-Pedal; Tonbandgeräte, um Tape-Loops herzustellen, aber auch, um vorhandene Aufnahmen rückwärts ablaufen lassen zu können; Bandgeräte müssen die Möglichkeit bieten, die Bandgeschwindkeit verändern zu können.

Typische Satzweisen

In der Musik der Beatles, zumal in der hier angesprochenen, zwischen 1966 und 1969 entstandenen, finden sich immer wieder ähnliche Spielfiguren, Patterns und Riffs, die zwar zum größten Teil auf älterer Rock- und Popmusik basieren, aber durch die Bekanntheit der Beatles-Songs besonders mit der Band selbst verbunden werden. Dazu zählen einige typische Klavierformeln, die häufig auch von anderen Bands und Musikern von Supertramp bis Regina Spektor, verwendet werden. Oft treten diese Figuren in den Introduktionen auf, und rücken während des Songs in den Hintergrund. So etwa die Einleitung von »Golden Slumber« (Abbey Road; 1969):
Eine ähnliche Figur benutzte Paul McCartney für Badfingers »Come And Get It« (1969):
Wie auch Peter Gabriel für seinen Song »My Head Sounds Like That« (2002):
»Let It Be« (The Beatles: Let It Be; 1970) geht über diese simplen Formeln etwas hinaus:
McCartneys pianistischen Fähigkeiten sind begrenzt, so beschränkt er sich stets auf einen Stil, der oft mit »Rock-Piano« bezeichnet wird. Dabei wird das Klavier als Rhythmusinstrument verstanden, mit dem zufällig auch die Harmonik dargestellt werden kann. Der Bass von »Let It Be« ist dabei schon relativ bewegt. Natürlich lässt sich diese Pianistik, die von vielen Rock-Pianisten verwendet wird, durchaus ausgestalten. Nimmt man etwa »Come And Get It« als Vorbild, also Achtel- statt Viertelwerte, und bricht die Akkorde in dieser Bewegung auf, bleibt Raum für einen beweglicheren Bass, etwa:
Ähnliche Riffs werden vor allem von Pianisten verwendet, die einen Song einleiten wollen. Die US-amerikanische Sängerin und Pianistin Regina Spektor baut ihre Songs oft um derartige Figuren, etwa »Samson«, »Summer In The City« (Begin To Hope; 2006), »Human of The Year« (Far; 2009), »Small Town Moon«, »Open« (What We Saw From The Cheap Seats; 2012). Als versierte Pianistin aber variiert sie dieses simple Modell oft um Elemente aus der traditionellen Klavierliteratur, vor allem aber bezieht sie die dem Instrument mögliche Dynamik in ihr Spiel und in die Gestaltung der Riffs ein und weicht damit vom üblichen Spiel genuiner Rockpianisten ab. Im oben gegebenen Beispiel könnte beispielsweise die Oktavierung im Bass aufgegeben werden, wenn die gebrochenen Akkorde leise gespielt werden. Im Bass könnten natürlich Teile des Gesangs, der auf diese viertaktige Einleitung folgen würde, vorweggenommen werden. In der Musik der Beatles wird dem Klavier aber diese Rolle nie gegeben. Es wäre also falsch, in einem Song, der »beatlesque« klingen soll, dem eventuell beteiligten Klavier allzu große Freiheit zu geben.
Bei anderen Instrumenten besteht diese Gefahr nicht, etwa einem einzelnen Horn oder einer Swarmandal: Die Verwendung dieser Instrumente hat eher den Sinn, dem Song für einen Moment eine bestimmte Atmosphäre zu geben, und sie treten aus diesem Grund immer nur kurz auf. Sie sind Signalgeber.
Was die Trompete eben auch und in besonderem Maße ist. Das Instrument spielte als Signalinstrument immer schon in der Militärmusik eine Rolle. Aus diesem Bereich stammen auch einige Topoi, beispielsweise Motive aus der Kunstmusik, die stark an militärische Signale erinnern. In diesem Sinn ist auch – unter anderem – die Verwendung der Trompete in Johann Sebastian Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 2 zu sehen. Militärsignale basieren oft auf einfachen ryhthmischen Pattern, etwa:
Oder auch:
Aus diesen und ähnlichen Motiven – denkbar sind Achteltriolen statt Sechzehntel-Achtel-Gruppen – lassen sich Signale wie in »Penny Lane«, erzeugen, beispielsweise auf einem Dreiklang basierend:
Der Triller am Schluss verstärkt die »barocke« Atmosphäre. Für einen noch stärker auf »Penny Lane« weisenden Schluss sind einige längere Töne notwendig sowie ein Ausklang:
Bei Streicherklängen sind es im Wesentlichen zwei, die ein Arrangement »beatlesque« erscheinen lassen: Zum einen sind es konventionelle Quartette oder doppelte Quartette, zum anderen Kombinationen von mehreren Violinen oder mehreren Violoncelli. Neben traditioneller Intonation ist auch eine sehr rauhe, laute Intonation ohne jedes Vibrato gängig. Besonders auffällig sind Glissandi wie in »I Am The Walrus« oder auch »Glass Onion«. Das Intervall kann dabei schon eine Quarte betragen, etwa von Gm7 zu C7. Wirkungsvoll sind dabei Umkehrungen von Septakkorden:
Bei »Strawberry Fields Forever« werden auch einzelne Noten, unisono gespielt, dieser Prozedur unterworfen:
Einzelne Streichertöne werden zudem häufig über Portamento angesteuert, zudem gibt es auch gesungene Vokalisen, die ebenfalls durch Glissandi miteinander verbunden sind. »Strawberry Fields Forever« allein gibt eine Vielzahl von Anhaltspunkten, wie ein Song instrumentiert und arrangiert sein sollte, der »beatlesque« wirken soll.


Das PDF enthält das Kapitel „Baukasten“ des Buches. Nach einem Klick auf das Symbol öffnet sich ein Browser-Fenster, das die originale Druckdatei anzeigt; dieses PDF kann heruntergeladen und auf dem eigenen Computer gespeichert werden.