Wie die Jungs aus Liverpool – Beatles-Songs ohne Lennon/McCartney: Beatlesque

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Cover Versions sind teuer – es sind Lizenzgebühren an die Urheber zu entrichten –, Parodien können teuer werden – wie Neil Innes erfahren musste. Ungewiss ist in jedem Fall der Erfolg: Der Sinn für Humor verlässt manch einen Fan in kürzester Zeit, wenn es um die Veralberung der Musik der eigenen Idole geht, und Cover Versions müssen schon die eine oder andere kreative Abweichung vom Original aufweisen, um das Interesse eines Hörers wecken zu können; diese Kreativität kann nicht jeder Präsentator einer Cover Version glaubhaft machen, selten daher der Fall, dass eine Cover Version an den Erfolg der gewählten Vorlage reicht.
Bleibt ein dritter Weg, am Erfolg der Beatles-Musik zu partizipieren: Mithilfe der »Blaupause« des Gegebenen eine Paraphrase anzufertigen, die »klingt wie«, also des Hörers Kenntnis der Originale auszunutzen und ihn nach Möglichkeit zu überzeugen. Dies muss nicht gelingen, wenn die Urheber der Originale noch aktiv sind – wie die Beatles bis Ende der 1960er-Jahre. Danach aber, nach dem Bruch der Band, war das »Werk« der Beatles abgeschlossen, die Möglichkeit der Erweiterung bestand zwar vage, war aber keineswegs gesichert. Mit anderen Worten: Wer neue Beatles-Musik hören wollte, konnte nicht damit rechnen, das Lennon, McCartney, Harrison und Starr ihm diese liefern würden. Wer neue Beatles-Musik haben wollte, musste hoffen, dass irgendjemand Musik »in diesem Stile« schreiben und veröffentlichen würde.
Die Anregung dazu hatten die Beatles mit »Glass Onion« selbst gegeben.1 Der Song mit seinem mild ironischen Text ist keine Parodie in dem Sinne, dass frühere Beatles-Songs verspottet werden, sondern sie werden lediglich in Andeutungen genannt. Es fallen die Worte Strawberry Fields, Walrus, Lady Madonna, Fool on the Hill und selbst Fixing a Hole mit einer Anspielung (Ocean) auf das Meer der Löcher aus dem Film »Yellow Submarine«. Der sachkundige Hörer identifiziert natürlich all diese Worte als zu Beatles-Songs gehörig und wird darin noch von der Musik unterstützt, einerseits mit den obligaten Streichern – wie bei »Eleanor Rigby« ein doppeltes Quartett –, andererseits mit dem Klang einer Blockflöte, der natürlich erst einsetzt, wenn die Worte Fool on the Hill gefallen sind.
»Glass Onion« ist Musik über Musik und deshalb nur bedingt eine Parodie, wenn auch hier dieselben Mittel eingesetzt werden, die für Parodien kennzeichnend sind, nämlich mehr oder weniger verklausulierte, aber immer erkennbare Rückgriffe auf Text und Klanggestaltung früher schon veröffentlichter Songs. Der Song tritt auch sehr spät in der Karriere der Beatles auf, nämlich erst dann, als es schon eine Reihe von Songs gibt, und um die Band selbst bereits die Legende sich zu bilden beginnt; nicht ganz zufällig spielt Lennon in dem Song auch auf die »Paul is dead«-Gerüchte an: »Well, here’s another clue for you all/The Walrus was Paul«.
Noch wenige Jahr zuvor spielten in der Rock- und Popmusik weder Parodie noch mehr oder weniger melancholische Rückschau eine größere Rolle. Die Gewalt, mit der die Musik der Beatles über die Rock- und Popmusik hereinbrach, hatte auch keine unmittelbaren Folgen. Schallplattenfirmen, Musikjournalisten, Musiker und Bands verharrten zunächst in einer Art Schreckstarre, wurden überrollt von den in schneller Folge veröffentlichten Singles der Liverpooler Band und hatten dem nichts entgegenzusetzen; Brian Epstein schob schnell weitere seiner Schützlinge aus Liverpool ins Rampenlicht – Gerry & The Pacemakers, Cilla Black –, wenn auch mit weit weniger Erfolg. Doch bald hatten sich die Label-Manager, die Journalisten und erst recht die Musiker gefasst und analysierten den Erfolg der Beatles. Das schien einfach, denn auf den ersten Blick boten die vier Musiker aus Liverpool nichts, was andere nicht auch boten.

»The Beatles didn’t invent the electric guitar and weren’t the first „guitar group“, but every rock band since 1963 is fullfilling their legacy, especially if they write their own songs.«2

Eine erste Reaktion war, sie einfach zu kopieren. Bands, die ohne parodistische Absichten die Beatles als Band kopierten – nicht unbedingt ihre Songs nachspielten, sondern eben selbst Songs komponierten –, gab es nicht nur in Großbritannien, sondern in ganz Europa und dann natürlich auch in den USA. In Deutschland etwa waren Bands wie The Rattles (gegründet 1960) oder The Lords (1959) gar nicht denkbar ohne den Beat-Boom in England.3 Und da Rockmusik – damit auch Beat – eine Musik von Gitarrenbands war, klangen all diese Bands zunächst sehr ähnlich – sieht man einmal vom individuellen Stimmklang der jeweiligen Sänger ab. Eine Besonderheit der Beatles-Songs war aber gerade, dass die Gesangsarrangements zumeist von mehreren Stimmen getragen wurden – das ließ sich nicht ohne weiteres von jeder Band nachahmen.
Eine bedeutende Rolle für deutsche Bands spielte in dieser Zeit der Star-Club in Hamburg. Manfred Weissleder, Gründer des im April 1962 eröffneten Clubs, engagierte zunächst nur Blues-, Jazz- und Rockbands aus England und den USA; zu diesen Bands gehörten auch die Beatles. Als die Karriere der Beatles begann, versuchte Weissleder aus der Tatsache, dass die Liverpooler Band in seinem Club gespielt hatte, Kapital zu schlagen und übernahm die Veranstaltung von Beat-Band-Wettbewerben für die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein. Als Preis für den Bundessieger dieser Wettbewerbe wurde beispielsweise im Jahr 1965 eine »Beatles-Gitarre«, angeblich aus dem Besitz von George Harrison stammend und mit den Unterschriften der vier Beatles versehen, ausgelobt. Einen Eindruck von der Musik, die diese »Battles« boten, gibt unter anderem eine unter der Bezeichnung Star-Club Hamburg herausgegebene Plattenreihe, teils mit Live-Aufnahmen aus dem Star-Club.4 Häufig boten die Bands eine Mischung von älteren Skiffle-Stücken, Blues, nachgeahmten Beat-Stücken – darunter gelegentlich auch Cover Versions von Songs der Beatles – und mitunter auch Songs, die im Grunde Schlagerstücke waren. Völlig aus dem Rahmen fiel etwa »Sonata Facile« der German Bonds: Im Stile von Jacques Loussiers Play-Bach-Aufnahmen hatte der Pianist Peter Hecht die kleine C-Dur-Sonate von Wolfgang Amadeus Mozart bearbeitet und dabei einige kleine Rock-Elemente im Stil von Jerry Lee Lewis eingebaut. Auch das wurde als »Beat« aufgefasst.5
Wesentlich aber war, dass die Beatles ab 1964 auch in den USA den Erfolg hatten, den sie vorher schon in Europa hatten. Das schien zunächst nicht gesichert, denn Capitol Records, USA-Part der britischen EMI, hatte es lange abgelehnt, eine LP der Beatles in den USA zu veröffentlichen. Als es auch unabhängigen Labels wie Vee-Jaay Records und dann Swan Records nicht gelang, Beatles-Platten in nennenswerter Menge auf dem amerikanischen Markt zu verkaufen, griff Brian Epstein in das Marketing ein. Es gelang ihm unter Einsatz von erheblichen Mengen Geld, einige Rundfunkstationen von den Qualitäten der Beatles zu überzeugen und zunächst den regionalen Raum von New York, dann die gesamten USA mit der Musik der Band bekannt zu machen. Nachdem Capitol im Dezember 1963 die Single »I Want to Hold Your Hand« veröffentlicht hatte und diese im Januar 1964 den ersten Platz der US-amerikanischen Hitparade erreicht hatte, schoben Vee-Jay und Swan ihre Beatles-Platten nach. So waren Anfang 1964 »Introducing … The Beatles« von Vee-Jay, »She Loves You« von Swan und endlich »Meet The Beatles« von Capitol in den amerikanischen Plattenläden zu kaufen. Als die Amerikaner gerade erst die Musik der Beatles kennen lernten – und keineswegs klar war, dass diese Band sich sehr lange im amerikanischen Markt würde halten können –, standen in Großbritannien schon diverse Bands bereit, die den Beatles ähnelten – Gitarrenbands, deren Mitglieder ihre Songs selbst schrieben und sich die Inspiration dazu auch von den Platten der Beatles holten.
Es ist natürlich richtig, dass die Beatles, wie Lewisohn anmerkte, die elektrische Gitarre nicht erfunden hatten. Sie popularisierten das Instrument aber in einem bis dahin ungekannten Ausmaß, gab es doch nun einen Weg zwischen Jazz, Blues und Country. Beinahe jeder männliche Jugendliche wollte eine elektrische Gitarre haben und in einer Beat-Band spielen. Altbekannte Gitarrenhersteller wie Gibson und Fender verkauften Anfang der 1960er-Jahre weit mehr Gitarren als in den 1950er-Jahren, die Instrumente der amerikanischen Firma Rickenbacker beispielsweise wurden durch John Lennon und George Harrison, die Gitarren der Firma spielten, überhaupt erst einem größeren Kreis von Musikern bekannt, der US-amerikanische Schlagzeughersteller Ludwig prosperierte aufgrund der Tatsache, dass Ringo Starr ein Drum Set der Firma spielte, ebenso wie die britische Firma Vox Amplification, der es gelang, einen exklusiven Endorsement-Vertrag mit den Beatles zu schließen, oder der deutsche Gitarrenhersteller Höfner, dessen Violin-Bass, den Paul McCartney spielte, in diesen Jahren zum seitdem ununterbrochen gebauten »Beatle-Bass« wurde. Andere Firmen, etwa der Verstärkerbauer Marshall, 1962 in London gegründet, legten in diesen Jahren den Grundstein für ihren Erfolg. Die englische Rockmusik – noch Beatmusik genannt – war in diesen Jahren allgegenwärtig und vor allem Jugendliche weltweit sahen diese Musik als »ihre« Musik an.6
Die Plattenfirmen in den USA hatten der britischen Musik zunächst nichts entgegenzusetzen – obwohl sie natürlich Rockmusik unter der immerwährenden Bezeichnung Rock’n’Roll als uramerikanische Angelegenheit betrachteten. Als der Erfolg der Beatles aber unübersehbar wurde, reagierten die US-amerikanischen Plattenfirmen schnell und übernahmen die Produktionen anderer britischer Bands in Lizenz für den amerikanischen Markt. Die »British Invasion« hat wenigstens zwei Seiten: Zum einen hatten die Bands aus Großbritannien das junge US-amerikanische Publikum auf ihrer Seite, zum anderen öffneten die US-amerikanischen Plattenfirmen diesen Bands die Türen »ihres« Marktes. Und: Das amerikanische Publikum hatte genug von all den Fabians (Fabian Forte) und Frankies (Frankie Avalon), die die amerikanische Popmusik dominierten. Die britischen Musiker wirkten authentischer und weniger angepasst. Nach den ersten Erfolgen der Beatles waren es die Platten von Dusty Springfield, Petula Clark, The Dave Clark Five, Manfred Mann, Peter and Gordon, The Rolling Stones, The Who, The Kinks, The Yardbirds, The Animals, The Hollies, The Zombies, Herman’s Hermits, The Small Faces und vieler anderer, die in den US-Charts zu finden waren, und nur wenige von US-Stars wie Bob Dylan und Johnny Cash.7
Im Grunde verwundert das: Die Beatles hatten Rockmusik anhand der Platten von Eddie Cochran, Little Richard, Chuck Berry, Elvis Presley und Buddy Holly kennen und nachahmen gelernt. Buddy Hollys Band, The Crickets, war Vorbild für den Namen The Beatles, beide vage Bezug nehmend auf Insekten.8 Vor allem aber: Buddy Holly verstand sich als Primus inter pares, die Band Buddy Holly and the Crickets war also als Einheit zu verstehen, ähnlich wie die Beatles, die als verschworene Gemeinschaft vier unterschiedlicher Individuen auftrat.
Die Beatles brachten dem Publikum in den USA eigentlich die eigene Musik zurück bis hin zu schon etwas »angegrauten« Songs aus dem American Songbook wie etwa »Till There Was You«, das Meredith Willson für sein 1957 uraufgeführtes Musical »The Music Man« geschrieben hatte. Der Song gehörte zu denjenigen, die die Beatles in der denkwürdigen Ed Sullivan Show im Februar 1964 spielten; mit Rock’n’Roll hatte »Till There Was You« wahrhaftig nichts zu tun. Er zeigte aber, dass die Beatles ein Repertoire aufgebaut hatten, in dem sich ein Musical-Song neben noch älterem Rock’n’Roll und Eigenem glaubwürdig halten konnte und die Grenze zwischen Pop und Rock unscharf werden ließ.
Das konnten die Amerikaner natürlich auch: Gruppen wie The Turtles, The Left Banke, The Byrds, The Raspberries, The Buckinghams, Sir Douglas Quintet, The Beau Brummels – die letzteren zeigen sich auch in der Namensgebung ihrer Formationen beeindruckt von den Briten.
Im Einzelfall waren all diese amerikanischen Gruppen beeinflusst von der Musik der Beatles, doch mieden sie allzu deutliche Anleihen bei Lennon/McCartney. Natürlich hatten die bis Ende des Jahrzehnts veröffentlichten Songs der Beatles insbesondere hinsichtlich der Instrumentation nachhaltigen, bis heute wirksamen Einfluss auf die Rock- und Popmusik, und ebenso wie die Musiker der britischen Bands schrieben nun auch die amerikanischen Musiker ihre Songs selbst und überließen dies nicht mehr beispielsweise allein den Profis im Brill Building. Darin unterschieden sie sich nicht von den Musikern der britischen Bands.9 Bis zur Auflösung der Band The Beatles sollte sich daran auch nicht viel ändern. Sinnvoll wurden Paraphrasen zu deren Musik erst dann.


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