Wie die Jungs aus Liverpool – Beatles-Songs ohne Lennon/McCartney: Vorwort

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The Beatles und Johann Sebastian Bach haben nicht allzu viel gemeinsam; im Grunde sind es nur einige Takte aus Bachs zweistimmiger Invention Nr. 8 F-Dur in »All You Need is Love« sowie die Paraphrasen zu Bach-Kompositionen in »In My Life« und »Penny Lane«. Gemeinsam ist dem Thüringer Komponisten und den vier Rockmusikern aus Liverpool allerdings, dass es zu wenig Musik von ihnen gibt, zu wenig Kompositionen von J.S. Bach, zu wenig Songs von den Beatles. Das Publikum will mehr. Bleibt den Nachfolgenden, das Werk zu verlängern. In der so genannten Kunstmusik geschieht dies vor allem mittels Bearbeitungen der vorhandenen Werke. Die »Erlaubnis« dazu gab J.S. Bach quasi selbst, da er selbst die Werke anderer Komponisten bearbeitete – vor allem also für andere Instrumente einrichtete. Eine Komposition Bachs für das Akkordeon gibt es nicht, aber es ist natürlich möglich, beispielsweise die »Goldberg-Variationen« für Akkordeon zu bearbeiten. Ebenso ist es möglich, das »Italienische Konzert«, eigentlich für Klavier gedacht, für ein Streicherensemble zu instrumentieren. Und es gibt die Möglichkeit, Paraphrasen zu Werken Bachs zu schreiben, Kompositionen, die »wirken wie«. Ein Lied, vierstimmig im »Stile« Bachs gesetzt? Kein Problem, dafür gibt es mittlerweile Computer – und Kompositions-Software, die lediglich die Melodie benötigt.
Ähnlich ist es mit dem Werk der Beatles, wenn man die Gesamtheit der etwa 200 Songs, die John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr schrieben, aufnahmen und veröffentlichten, als Werk ansieht – es gibt einigen Grund dafür. Von den vier Musikern kamen nach Auflösung ihrer Band keine neuen Songs, die Solo-Alben boten keine »Beatles-Songs«. Blieben zwei Wege: Einer ist es, die vorhandenen nachzuspielen, also Cover Versions aufzunehmen. Auf diese Weise kann man eventuell am nach wie vor ungebrochenen kommerziellen Erfolg der Beatles teilhaben. Ein gangbarer, aber etwas teurer und auf jeden Fall künstlerisch nicht immer befriedigender Weg. Dennoch sind ihn viele Musiker gegangen, mal nur für einen Song, mal für ein Album, mal für eine komplette Karriere.
Der zweite Weg, nämlich Paraphrasen zu vorhandenen Songs zu verfassen, ist aufwändiger. Zudem laufen die Urheber zweierlei Gefahr: Entweder sind sie »zu dicht« an der Vorlage, am Original – dann ist der Vorwurf des Plagiats, des Rip-Offs nicht weit –, oder aber sie sind »zu weit entfernt« vom Original – dann bleibt das Interesse des Beatles-Fans aus. Es ist also für Musiker eine Gratwanderung, und viele gehen »auf Nummer sicher« und setzen eher auf eine solide Cover Version, als dass sie eine mäßige Paraphrase produzieren. Ein Mittelweg ist der Anklang: Man bringt entweder ein Zitat von weniger als einem oder zwei Takten aus einem Beatles-Song in seiner eigenen Komposition unter oder aber imitiert nur – meist mittels Instrumentation – den Klang aus einem bestimmten Beatles-Song. Rock- und Pophörer zählen keine Achtel und Viertel, noch nicht einmal Takte, grübeln nicht über Modi und Akkordverbindungen, haben aber ein sehr feines Gehör für den Klang. Hier ein Mellotron, dort drei Celli, da eine einzelne Trompete – der Kenner der Beatles-Songs weiß: »Strawberry Fields Forever«, »I Am The Walrus«, »Penny Lane«, vielleicht auch nur nachgemacht.
Es sind gar nicht so wenige Rockmusiker, die sich dieses Gedächtnis der Hörer zunutze machen, manche flechten immer wieder kurze Zitate und Stilzitate aus den Songs der Beatles in ihre Songs ein, andere haben ganze Alben mit Paraphrasen zu Beatles-Songs veröffentlicht. Die Musik der Beatles ist vielfältig, ihr Produzent George Martin war ein musikalisch vielseitig gebildeter, pfiffiger und unerschrockener Kopf. Er brachte die instrumentale Vielfalt der Kunstmusik in die Musik der Beatles, er schrieb die Arrangements und zur Not komponierte er auch mal ein kleines Stückchen Musik hinzu. Ende der 1960er-Jahre stand damit eine Art »Baukasten« zur Verfügung, aus dem sich jeder bedienen kann. Wenn er denn eine überzeugende Melodie findet, steht dem Erfolg auch wenig im Wege.
Das faszinierte Starren auf den Erfolg der Beatles begann mit dem Aufstieg der Beatles. Spätestens seit 1963 haben eine unübersehbare Anzahl von Musikern, Bands und Song-Schreibern die Musik der Beatles nachgeahmt und jede stilistische Wendung der Fab Four nachvollzogen. Es gab Cover Versions, Paraphrasen, Zitate und Parodien, Sänger, die singen konnten wie McCartney oder Lennon, Bassisten, die spielen konnten wie Paul McCartney, Schlagzeuger, die Ringo Starrs Spielweise perfekt nachahmten, Musiker, die Harrisons Hang zur Exotik aufgriffen. Der Einfluss der vier Musiker, insbesondere von Lennon und McCartney, auf die Rock- und Popmusik ist immens und überstand sämtliche Veränderungen in diesem Bereich der Musik. Nach wie vor sehen viele Rockmusiker die Musik der Beatles als Herausforderung.

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Kompositionstechnisch handelt es sich bei Paraphrasen um Stilkopien, mal mehr, mal weniger exakt. Zitate, also mehr oder weniger exakte Kopien, gibt es, wenn auch weniger als zu vermuten ist. Plagiatsjäger lauern gerade im Falle der Beatles-Musik, aufmerksam sind die Eigner der Rechte an den Songs der Beatles. Die Begriffe »Kopie«, »Plagiat«, »Stilkopie«, »Paraphrase« oder auch »Entlehnung« und »Anklang«, zum größten Teil ohnehin keine exakten, juristisch unterfütterten Begriffe, sind, was Rock- und Popmusik angeht, nur bedingt, manchmal gar nicht zu gebrauchen. Es ist klar, dass die exakte Kopie einer Melodie eines Beatles-Songs, verwendet von einem anderen Musiker, ein Plagiat ist, das strafrechtlich verfolgt werden kann und wird. Für die der Melodie zugrunde liegende Harmoniefolge gilt das schon nicht mehr, Popmusik ist harmonisch eher einfach gebaut, und niemand kann »die Erfindung der Kadenz« für sich reklamieren. Das gilt natürlich auch für den Blues und jegliche Liedform. Erst recht ist ein Klang nicht zu schützen, jeder, der will, kann sich eine Gitarre kaufen und versuchen, den Klang, den George Harrison seinem Gitarrenspiel gab, nachzuahmen. Manche Musiker nehmen ihre Songs mit uralten Mischpulten und Bandmaschinen auf, andere kaufen für ihre Aufnahme- und Produktionssoftware diverse Plug-Ins, die die Eigenschaften altertümlicher Effektgeräte aufweisen, und natürlich gibt es Libraries, Sample-Sammlungen von Klängen einzelner Instrumente aus den 1960er-Jahren, beispielsweise von den Drum Sets, die seinerzeit – will heißen: zu der Zeit, als die Beatles als Band aktiv waren – im Abbey-Road-Studio in London verwendet wurden. Dies alles, um dem »Sound« der Swinging Sixties nahe zu kommen. Alles erlaubt und nicht juristisch, sondern nur ästhetisch zu werten. Und wohl auch sozialpsychologisch, denn es muss ja einen Grund haben, dass es für »nachgemachte« Beatles-Musik einen Bedarf gibt.

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Der auch gar nicht so klein ist. Begriffe wie »beatlesque«, »Beatles Sound Alikes« oder »Beatles Songs Alike« in eine der Internet-Suchmaschinen eingegeben, erhält der Interessent eine Unzahl von Links zu Sites und Foren, wo sich interessierte Fans informieren können, welche Beispiele es für Songs gibt, die wie Beatles-Songs klingen, aber nicht von Lennon/McCartney stammen, Fingerzeige auf Musiker und Bands, die mal mehr oder weniger überzeugend sich dem Unterfangen widmeten, einen Song zu schreiben, der klingt, als stamme er von John Lennon oder Paul McCartney. Nicht immer stellt sich die angegebene Assoziation ein; aber es gibt auch frappierende Beispiele. Manche dieser »nachschöpfenden« Musiker sind sehr bekannt, andere nahezu völlig unbekannt. Stets stellt sich beim Suchenden auch der Effekt ein, während der Suche kontinuierlich großzügiger zu werden, was noch als »beatlesque« zu sehen ist.
Es mögen hunderte von Einzelmusikern und Bands sein, auf deren Musik der Begriff zutrifft. Eine vollständige Liste kann niemand erwarten. In diesem Buch geht es daher in erster Linie darum, die Musik der Beatles besonders der Jahre 1965 bis 1970 zu charakterisieren, den »Baukasten« zu öffnen, die Bauelemente besonders auffälliger Beispiele festzustellen und zu untersuchen, und die Musiker und Bands zu nennen, die sich des Inhalts dieses Baukastens bedienten.

Dazu ist es nötig, in Erfahrung zu bringen, womit und auf welche Weise John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und, nicht zu vergessen, George Martin, diesen Baukasten im Laufe weniger Jahre füllten. Die musikalische Sozialisation der vier Bandmitglieder und ihres Produzenten steht daher im Vordergrund der ersten beiden Kapitel. Das dritte Kapitel ist der Vielfalt und der verschiedenen Formen der Cover Versions von Beatles-Songs gewidmet, auch dies trotz seiner Fülle von Namen sicherlich nicht vollständig. In diesem Falle ist aber auch in Rechnung zu stellen, dass nicht jede Cover Version genannt werden muss, zumal wenn sie dem Ganzen keine wesentlich neue Erkenntnis hinzufügt; erwartungsgemäß ist diese Welt der Nachahmung voller Kuriositäten. Das zentrale Kapitel dieses Buches ist kurz und knapp »Beatlesque« überschrieben. Einerseits ist dieses Kapitel der Ort, an dem die Beispiele von Songs, die nicht von Lennon/McCartney stammen, aber so klingen wie Beatles-Songs, genannt werden. Auch hier kann keine vollständige Liste geboten werden, zumal die Beurteilung, ob ein Song tatsächlich »beatlesque« ist, doch sehr von subjektivem Empfinden abhängig ist: Was der eine Hörer klar als »beatlesque« empfindet, lässt den anderen ob dieser Ansicht den Kopf schütteln.
Neben »Beispiele« gehört in den Anhang auch der Versuch, den Inhalt des »Baukastens« für Beatles-Musik etwas genauer zu präsentieren. Notwendige Voraussetzung für einen »Beatles-Song«, aber sicherlich nicht ausreichend. Denn die wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene und überzeugende Paraphrase zur Musik der Beatles ist eine originelle, kongeniale Melodie und ein Text, der den Vergleich mit John Lennons und Paul McCartneys Texten standhält. Das aber lässt sich kaum nachahmen.

Bernward Halbscheffel
Leipzig, im September 2015

 


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