Canterbury Scene – Jazzrock in England: Canterbury Scene

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Szenerie

Rockmusik als Musik der Nachkriegszeit ist unmittelbar von den Umständen dieser Zeit abhängig. Dies kann an jeder regionalen Ausprägung dieser Musik abgelesen werden. Für Großbritannien bedeutet dies, dass sie seit Anfang der 1950er-Jahre von der amerikanischen Rockmusik abhängig war und zunächst auf Nachahmung basierte. Kopiert wurde also der amerikanische Blues in all seinen formalen Erscheinungsformen und der Song der 1930er- und 1940er-Jahre, letzterer tradiert mit Schallplatten, Musicals und vor allem Filmen. Seit Anfang der 1950er-Jahre kam der amerikanische Rock’n’Roll hinzu, massenhaft verbreitet mit Hilfe der seinerzeit neuen Single-Schallplatte; auch er basierte auf dem Blues – etwa bei Chuck Berry und Elvis Presley – und dem Song, so bei Presley und Buddy Holly. Der Blues wurde in Großbritannien und im übrigen Europa also weniger in einer halbwegs authentischen Form bekannt und populär, sondern in einer bereits standardisierten, damit auch oft genug vereinfachten Form; der authentische Blues dagegen war eher eine Sache von Spezialisten, wenn auch sich das britische Blues-Revival, das für die britische Rockmusik der 1960er-Jahre so wichtig werden sollte, schon ankündigte. Der aktuelle Jazz spielte beim breiten Publikum eine sehr untergeordnete Rolle, der Swing hatte seine Kraft verloren, Bebop fand nur wenige Hörer, und so wurde ein am traditionellen, mehr oder weniger authentischen Jazz der USA orientierter, aus New Orleans oder Chicago stammender Jazz favorisiert; auch dieser sollte später in der britischen Rockmusik eine gewisse Rolle spielen.
Bands wie The Beatles aus Liverpool oder The Rolling Stones aus Dartford (Kent) spiegeln diese Umstände wider: Die ersten Langspielplatten waren Single-Sammlungen, ergänzt um weitere Songs, darin den Maßgaben aus den USA folgend. Die Songs aber waren Cover-Versions von amerikanischen Veröffentlichungen oder aber Eigenkompositionen, die der Machart amerikanischer Vorbilder entsprachen. Bis Mitte der 1960er-Jahre hatten die Beatles – und mit ihnen diverse andere britische Bands – diese Musik umgeformt zu einer spezifisch englischen Musik und waren ihrerseits selbst zu Vorbildern nicht nur für Musiker ihres Heimatlandes, sondern für die Musiker ganz Europas und selbst zu Vorbildern für amerikanische Musiker geworden.
Eine wesentliche Rolle spielte bei dieser Metamorphose der Produzent der Beatles, George Martin.1 Martin war akademisch ausgebildeter Musiker und darüber hinaus auch versiert in der sich in den 1960er-Jahren rasant entwickelnden Aufnahmetechnik. Ein Experte in Rockmusik war er nicht und wollte er auch nicht sein. Als ihm die Leitung des Labels Parlophone übertragen wurde – es handelte sich dabei um ein wenig bedeutendes Unterlabel der EMI –, wollte er sich beweisen und es aus dem Nischendasein des programmatischen Sammelsuriums – hier wurde Comedy, altertümlicher Jazz, von Schauspielern gesungene Lieder und weiteres mehr veröffentlicht – befreien. Er war auf der Suche nach einem zweiten Cliff Richard, der seinerzeit äußerst erfolgreich war. Als ihm eine in Liverpool beheimatete Rockband angeboten wurde, die sich The Beatles nannte, hatte er wenig Hoffnung, dass es sich bei diesem Gitarrenquartett um das von ihm gesuchte Erfolgsensemble handeln könnte. Er besuchte dennoch ein Konzert der Beatles, war vom Repertoire der Musiker zwar nicht überzeugt, wohl aber von ihrer Fähigkeit, ein Publikum zu begeistern und mitzureißen. Nach einigen Probeaufnahmen und dem Austausch des Schlagzeugers Pete Best, für den Ringo Starr in die Band kam, überraschte ihn die Band mit unerwartetem Erfolg. Aber auch mit der Begierde, seine Vorschläge für Arrangements und Instrumentation anzunehmen und ihn mit eigener Experimentierfreude herauszufordern. So kam Martin sein eigenes Können als Musiker aus einem ganz anderen Bereich zugute und er begann, es mit der Musik der Beatles zu kombinieren, Rock mit Pop, Rock mit traditioneller europäischer Kunstmusik, Rock mit Music Hall, Rock mit Folk und weiterem mehr zu verbinden. Bis Mitte der 1960er-Jahre unter diesen Prämissen eine spezifisch britische Rockmusik entstanden war, die mit dem amerikanischen Rock’n’Roll nicht mehr viel zu tun hatte. Aber eben immens erfolgreich war und dabei von unglaublichem Einfluss auf die Musik überhaupt. Spätestens 1967, mit der Veröffentlichung des Albums »Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band«, war die Rockmusik aus der Schmuddelecke des Musikgeschäfts herausgekommen und hatte ihre Bedeutung als Kunstform nicht zuletzt mit dem Wechsel von der billigen Single zur hochwertigen LP unterstrichen. Rockmusik war nun auch für das Bürgertum interessant geworden – sie war »in der Mitte der Gesellschaft« angekommen, wie man es Jahrzehnte später ausgedrückt hätte.

Exposition: Die Schülerband

Die typische europäische Rockband der 1970er-Jahre hat ihren Ursprung in einer Schülerband, die Mitte der 1960er-Jahre gegründet worden war; dies gilt nicht nur für Großbritannien. Rockbands entstanden in den Ober- und Hochschulen, zumal in den Kunstschulen Großbritanniens. Die Eltern dieser jugendlichen Musiker hatten den Zweiten Weltkrieg noch am eigenen Leib erfahren, ihre Kinder waren zu Zeiten des Krieges oder kurz danach, in den 1940er-Jahre geboren worden und, so ein nachgerade geflügeltes Wort, »sollten es besser haben«. Hatte bereits der Erste Weltkrieg die Klassenschranken aufgeweicht, so hatten sich bis in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg andere soziale Maßstäbe etabliert und dies betraf sowohl Europa wie US-Amerika. »Bildung« war das Zauberwort und blieb es. Das Kleinbürgertum schickte seinen Nachwuchs nicht mehr in die Handwerksbetriebe oder ins Büro, sondern auf weiterführende Schulen, verlängerte die Kindheit und erweiterte damit wiederum den freien Raum, in dem sich so etwas wie eine Jugendkultur entwickeln konnte.
Ein Ausdruck dieses Bildungswillens war der Musikunterricht, den ehrgeizige Eltern ihrem Nachwuchs erteilen ließen, mal nur kurze Zeit, für einige Stunden, mal bis zur Konzertreife. Oft war es das Klavier, an das nun nicht mehr nur die Mädchen gesetzt wurden, sondern auch die Jungen, und aus diesem Heer von jungen männlichen Pianisten stammen viele, die später als Keyboard-Instrumentalisten Karriere in der Rockmusik machen sollten, was auch lukrativer schien als eine im Jazz oder in einer Tanzkapelle. Einfache Gitarren, Banjos und Mandolinen waren gängige Geschenke an pubertierende Jugendliche, manchmal auch ein einfaches Schlagzeug oder auch nur eine Snare Drum, immer fand sich jemand, der dem Interessierten die ersten Akkordgriffe, die ersten Songs, die grundsätzlichen Rhythmen zeigte. Ehrgeiz, Konkurrenzdenken und der Druck der Gruppe stachelten die Autodidakten an, die an den Jukeboxes in den Kneipen standen, den amerikanischen Songs ihre Texte, Melodien und Harmonien ablauschten und in mühsamer Kleinarbeit nachahmten.
Die Simon Langton Grammar School for Boys in Canterbury, 1881 gegründet, stand nicht unbedingt im Ruf, eine Schule für die Kinder der unteren Mittelklasse, also des Kleinbürgertums zu sein, hatte sogar mit dem Verdacht zu kämpfen, ausschließlich für die obere Mittelklasse eingerichtet worden zu sein. Ziel der Schule – und ihrer Schwesterschule, der Simon Langton Girl’s Grammar School – war es aber schon, die Schüler auf ein Universitätsstudium vorzubereiten. Besucht wurde die Schule von den Kindern der Intellektuellen der Stadt, die an ihr besonders schätzten, dass sie ihren Kindern Raum zu freier Entfaltung gab.2 Dazu gehörte nicht unbedingt Rockmusik, sondern eher die traditionelle europäische Kunstmusik und eventuell der Jazz.
Die zentrale Figur in dieser Prä-Historie des Canterbury Rocks ist Robert Wyatt. Wyatts Eltern George Ellidge und Honor Wyatt hatten ein Haus in dem kleinen Ort Lydden bezogen. Lydden liegt südöstlich von Canterbury, aber näher an Dover als an Canterbury. Trotzdem besuchte Robert Wyatt – damals noch Robert Wyatt-Ellidge – die Simon Langton School in Canterbury, offensichtlich eine bewusste Entscheidung seiner Eltern. An der Schule lernte er Hugh Hopper, dessen älteren Bruder Brian Hopper und dessen Klassenkameraden Mike Ratledge kennen. Seinerzeit war Skiffle, eine einfache, auf dem Blues basierende Volksmusik, in England sehr beliebt, und so bildeten die vier Jungen, alle gleichermaßen interessiert an Musik, 1957 eine Skiffle Group; in dieser Zeit, Ende der 1950er-Jahre, nichts Außergewöhnliches, erinnert sei an die Beatles, die etwa zur selben Zeit ebenfalls in Skiffle-Gruppen ihre ersten musikalischen Gehversuche unternahmen. Wyatt übernahm dabei die Perkussionsinstrumente
Das Haus der Wyatts war so groß, dass sie Räume untervermieten konnten. Ende 1960 vermieteten sie ein Zimmer an einen jungen Mann aus Australien, der zuvor in Paris ein Leben zwischen Bohemie und Hilfsjobs geführt hatte. Daevid Allen, so der Name des Australiers, freundete sich mit dem sieben Jahre jüngeren Sohn seiner Vermieter an und bestärkte ihn in dessen Wunsch, Schlagzeuger zu werden. Er brachte Robert mit einem seiner Freunde, dem amerikanischen Jazz-Schlagzeuger George Niedorf,3 zusammen, der ebenfalls ein Zimmer im Haus der Ellidges bezog und seine Mietschuld mit Schlagzeugunterricht für Robert beglich. Bald waren auch Hugh Hopper und Mike Ratledge als Zuhörer dabei, wenn Robert Schlagzeug spielte. Die Musik nahm Robert so gefangen, dass er 1962 direkt nach Beendigung seiner Schulausbildung mit Niedorf nach Mallorca zog. Er blieb dort einige Monate, nahm weiter Unterricht bei Niedorf, kehrte 1963 aber nach Canterbury zurück, wo er erneut auf Allen traf. Allen gründete mit ihm und Hugh Hopper das Daevid Allen Trio, eine dem Jazz und dem Free Jazz zugeneigte Formation.
Das Trio bestand indes nicht lange, denn Allen zog es wieder nach Paris. Wyatt und Hopper hingegen blieben in Canterbury und gründeten 1964 mit Brian Hopper – der Bruder Hugh Hoppers spielte Saxophon –, dem Bassisten Richard Sinclair und Kevin Ayers die Gruppe The Wilde Flowers, benannt nach dem Dichter Oscar Wilde. Ayers, der seinerzeit noch kein Instrument spielte, übernahm den Gesang, zumal er auch interessiert war, die Texte für die Songs zu schreiben. The Wilde Flowers waren keine Jazz-Gruppe, sondern eiferten den seinerzeit aktuellen Protagonisten der Popmusik nach, spielten auch Songs von Chuck Berry und Booker T. Washington White nach.4
The Wilde Flowers bestanden als Gruppe bis Herbst 1967; schon vorher aber kamen und gingen Musiker, so dass 1967 von der ersten Besetzung nur noch Brian Hopper Mitglied der Band war. Zuerst war Kevin Ayers gegangen, Wyatt hatte danach die Gelegenheit ergriffen, sich stärker als Sänger der Band zu positionieren, teilte den Platz am Mikrofon für kurze Zeit aber noch mit Graham Flight. Als Flight nach wenigen Wochen ging, wurde Ende 1965 nicht ein Ersatzmann für ihn in die Band geholt, sondern für den Schlagzeuger Wyatt: Richard Coughlan; Wyatt wechselte auf den Platz des Lead-Sängers, spielte nach Erfordernis aber auch weiter Schlagzeug. Auch Richard Sinclair verließ die Band, für ihn kam der Gitarrist Pye Hasting. Mitte 1967 wurde die Band abermals umgestellt, sogar recht radikal: Hugh Hopper wechselte vom Bass zum Altsaxophon, den Bass übernahm Dave Lawrence. Wyatt hatte die Band nunmehr ebenfalls verlassen. Bis Mitte 1967 bestanden The Wilde Flowers aus den Brüdern Hopper, Coughlan, Hastings, Lawrence und dem Keyboard-Spieler Dave Sinclair, Cousin von Richard Sinclair. In der letzten, nur wenige Monate dauernden Phase, gehörten Brian Hopper, Coughlan, Hastings, Sinclair und Lawrence zu der Band.
Lässt man die Namen Revue passieren, so waren über die wenigen Jahre viele Musiker Mitglied von The Wilde Flowers, die in den nächsten Jahren den Anlass boten, von einer Canterbury »Scene« zu sprechen:

Daevid Allen
Robert Wyatt
Brian Hopper
Hugh Hopper
Richard Sinclair
Kevin Ayers
Richard Coughlan
Pye Hastings
David (Dave) Sinclair

In Canterbury geboren waren von diesen Brian Hopper, Richard Sinclair und Dave Sinclair. Richard Coughlan und Kevin Ayers waren in Herne Bay, einem von Canterbury etwa elf Kilometer entfernt gelegenen Ort geboren, Wyatt in Bristol, Hastings war Schotte und stammte aus Tamnavoulin (Banffshire). Canterbury Scene, weil diese Namen natürlich für einen mehr oder weniger großen Teil der Jugendlichen in Canterbury gestanden haben dürften, die überhaupt aktiv Musik machten. So gesehen gab – und gibt – es natürlich auch eine London Scene, eine Liverpool Scene, eine Bristol Scene usw. Keine Spur von einem Canterbury »Sound« – das meiste, das die Musiker in diesen Jahren für ihr Publikum spielten, entsprach dem gerade verblichenen Beat, bestand aus intonationsunsicherem Lead-Gesang, etwas unbeholfener Satzgesang, einem unausgewogenen Instrumentalklang und allenfalls hier und da aus Anklängen an so etwas wie solistischem Mut, der indes noch nichts mit Jazz zu tun hatte, ebenso wenig wie die Verzerrungen der wenigen Aufnahmen. Auch der Begriff Canterbury Rock kann nicht auf diese Musik angewendet werden, diese Art Musik der Wilde Flowers wurde von zahllosen Bands in ganz England, der ganzen Welt gemacht. Damit sei den Wilde Flowers nicht Unrecht getan, das Repertoire von Anfängerbands beruht immer auf Nachahmung der Musik anderer Bands, und seien es Cover Versions der Songs mehr oder weniger bekannter Bands.
Die Liste der Musiker, die bei The Wilde Flowers spielten, ist zwar imposant, es fehlen aber einige, die in der Canterbury Scene ebenfalls Gewicht erhalten sollten. In erster Linie ist das Mike Ratledge.
Ratledge ging mit Hugh Hopper, Brian Hopper und Robert Wyatt auf dieselbe Schule, eben die Simon Langton Grammar School for Boys. Veranlasst von seinen Eltern, erhielt Mike Ratledge traditionellen Klavierunterricht, während Jazz und Rock keine Rolle in seinem Elternhaus spielten. Gelegentlich musizierte Ratledge mit Hugh Hopper zusammen, der dann Klarinette spielte, auch dann der Kunstmusik zuzurechnende Kompositionen. Als Daevid Allen in Canterbury auftauchte, lernte Ratledge durch die Schallplatten, die Allen mitgebracht hatte, zeitgenössischen Jazz kennen, so auch die Musik des Pianisten Cecil Taylor. Als Allen mit Wyatt und Hopper sein Trio gründete, war Ratledge oft bei den Proben dabei und spielte wohl auch gelegentlich mit. An einer Karriere in der Musik war er nicht interessiert, sondern vielmehr an einer universitären Ausbildung, die er dann auch in Oxford absolvierte. Danach wollte er in den USA weiter studieren, verpasste aber eine Anmeldefrist und wandte sich dann doch der Musik zu, als Allen, Ayers und Wyatt 1966 Soft Machine gründeten. Damit gehörte Ratledge als Musiker zur ersten Generation der zur Canterbury Scene zählenden Bands. Fast überflüssig zu sagen, dass er ebenfalls nicht in Canterbury geboren worden war, sondern in Maidstone, der Hauptstadt der Grafschaft Kent, auf halbem Weg zwischen London und Canterbury gelegen.


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