Canterbury Scene – Jazzrock in England: Lexikon M-Z

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MacCormick, Bill, eigentlich William MacCormick, * London 1951, englischer Rock-Sänger und -Bassist
Bill MacCormick und sein älterer Bruder Ian (* 1948) kamen als Schüler mit der Musik in Berührung, ohne dass sie eine reguläre musikalische Ausbildung erhielten: Eine Freundin ihrer Mutter war die Mutter von ?Robert Wyatt. 1966 lud Wyatt die beiden Brüder ein, Gast eines Konzertes der Band, in der er Schlagzeug spielte, zu sein. Tatsächlich wurden Ian und Bill MacCormick Zeugen des ersten Auftritts der Band ?Soft Machine. Von diesem Zeitpunkt an schlossen sich die Brüder der Band als »Fans« an, waren bei den Proben der Gruppe anwesend und lernten auf diese Weise anhand der Schallplattensammlung Wyatts nicht nur die Musik der Beatles näher kennen, sondern auch die von Jazz-Größen wie Miles Davis und Cecil Taylor. Platten von Pharoah Sanders, Charles Mingus, Ornette Coleman und John Coltrane wie auch die Musik von Igor Strawinsky hörten sie in der Musikabteilung der öffentlichen Bibliothek ihres Wohnortes Dulwich, einer im Süden von London gelegenen Vorstadt.
Es sollte nicht bei der Verehrung von Soft Machine und mehr oder weniger bekannten Jazzmusikern bleiben: 1968 gründete Bill MacCormick mit seinen Schulfreunden Phil Manzanera (* 1951) und Charlie Hayward (* 1951) eine eigene Band, die sie Pooh and the Ostrich Feather nannten. MacCormick spielte zu dieser Zeit noch nicht Bass, sondern betätigte sich als der Sänger der Gruppe; die Texte der Songs schrieb, wenn notwendig, Bruder Ian. Hayward war unter anderem deshalb Mitglied der Band geworden, weil er ein Schlagzeug der Firma Premier besaß, das in seinem Aufbau mit zwei Bass Drums dem von Keith Moon von The Who glich.
Die kleine Gruppe, verstärkt um stets wechselnde Mitmusiker, machte sich bald einen Namen und trat bei Schulfesten wie selbst organisierten Konzerten auf. Schon nach kurzer Zeit aber genügte den Musikern das Nachspielen der Songs von Cream oder Jefferson Airplane nicht mehr, zunehmend wurden diese durch eigene Kompositionen ersetzt. Als Ganze näherte sich die Band dem Jazz an, MacCormick kaufte sich ein Schlagzeug und wollte als zweiter Schlagzeuger fungieren, man suchte einen Bassisten, einen Keyboard-Spieler und einen Saxophonisten, zunächst erfolglos. MacCormick erklärte sich daher bereit, so lange den Bass zu übernehmen, bis ein regulärer Bassist gefunden sein würde, fand aber wider Erwarten Gefallen an dem Instrument. Für kurze Zeit war auch tatsächlich ein Saxophonist Mitglied der Band, ging aber bald wieder. Ständiges Mitglied wurde dagegen der Keyboard-Spieler Dave Jarrett. So blieb ein klassisches Rock-Quartett – Gitarre, Bass, Keyboards, Drums. Man ließ den Namen Pooh and the Ostrich Feather fallen und nannte sich ?Quiet Sun. Da es der Band nicht gelang, einen Schallplattenvertrag zu erhalten, löste Quiet Sun sich schließlich auf.
Als Robert Wyatt Soft Machine verließ, erinnerte er sich an MacCormick – er hatte den Bassisten anlässlich eines gemeinsamen Konzerttermins gesehen und gehört – und fragte ihn, ob er in seiner neuen Band ?Matching Mole den Bass übernehmen wolle. MacCormick sagte zu und wirkte an den beiden, im Frühjahr und Herbst 1972 veröffentlichten Alben der Band mit.
1975 kam Quiet Sun auf Betreiben Manzaneras, inzwischen mit Roxy Music sehr erfolgreich, noch einmal zusammen und gemeinsam spielte man das Album »Mainstream« (1975) ein, zu einer regelrechten Reunion kam es aber nicht. Manzanera holte MacCormick wenig später, 1976, dann in seine Band ?801. 801 nahm ein Studio-Album und ein Live-Album auf; insbesondere der Konzertmitschnitt »801 Live« gehört zu den klassischen Alben der 1970er-Jahre. MacCormick fiel nicht nur als Bassist auf, indem er das Konzert mit einem wuchtigen Bassklang einleitete, sondern war indirekt auch am Cover beteiligt: Es zeigt allein Wirbelplatte und Hals seines Basses, rot angestrahlt vor blauem Himmel, ein idealtypisches Bild der Rockmusik.
Bill MacCormick blieb der Rockmusik auch nach dem Ende von 801 zunächst verbunden, war an einer kurzen Reunion 1977 beteiligt und schloss sich im selben Jahr der Band Random Hold an. Random Hold brachte es zwar zuwege, einen Schallplattenvertrag bei Polydor Records zu erhalten, die beiden zentralen Personen der Band, David Ferguson und David Rhodes, waren aber teils nicht imstande, teils Unwillens, die Band zusammenzuhalten. 1980 ging dann auch MacCormick; die Einforderung von ihm investierter finanzieller Mittel bedeutete das Ende der Band.
MacCormick arbeitete danach in verschiedenen Funktionen in der Liberal-demokratischen Partei Englands, wirkte etwa an der Programmierung von Wahl-Software mit und gründete schließlich eine Marktforschungs-Firma. Nach der Jahrtausendwende kam es punktuell wieder zur Zusammenarbeit mit Manzanera: Für dessen Solo-Album »6PM« (2004) spielte er in dem Song »Wish You Well« ein Bass-Solo ein; der Song war seinem 2003 verstorbenen Bruder Ian gewidmet, der unter dem Namen Ian MacDonald als Musikjournalist gearbeitet und unter anderem mit einem Buch über die Musik der Beatles ein Standardwerk vorgelegt hatte.

Diskografie Mit Random Hold: Etceteraville (1979) ? The View From Here (1980) ? Burn The Buildings (1982) ? Overview (2001; Aufnahmen von 1977-1980) | Weitere Alben mit Quiet Sun ? Matching Mole ? 801 ? Phil Manzanera | Weblinks http://archive.is/hys2 (Ausführliches Interview mit Bill MacCormick) ? http://www.randomhold.com (Website der Band Random Hold)

MacRae, Dave, eigentlich David Scott MacRae, neuseeländischer Jazz- und Rockmusiker (Klavier, Orgel, Synthesizer, Komposition, Arrangement), * Auckland (Neuseeland) 2.4. 1940
Dave MacRae studierte am New South Wales Conervatorium of Music, heute Sydney Conservatorium of Music, in Sydney Musik. Nach Abschluss des Studiums blieb er zunächst in Australien und arbeitete für die Schallplattenfirma Festival Records als Arrangeur. 1969 wechselte er in die USA und spielte nach einigen kleineren Engagements 1970 in der Big Band des Schlagzeugers Buddy Rich Klavier. Danach ging MacRae nach England, arbeitete in London als Studiomusiker und spielte häufig in den Begleitbands für amerikanische Jazzmusiker wie Chet Baker, Clark Terry, Jon Hendricks und Gil Evans. Für kurze Zeit gehörte er 1971 auch der Band Caparius an, nahm im selben Jahr aber ein Angebot ?Robert Wyatts an, in dessen Band ?Matching Mole die Keyboards zu spielen; dies war die erste Begegnung MacRaes mit Vertretern der Canterbury Scene. MacRae nahm zwar 1972 an den Aufnahmen zu »Matching Mole’s Little Red Record« (1972) teil, Ende des Jahres aber löste sich die Band auf, als ?Phil Miller ging und mit ?Dave Sinclair ?Hatfield and the North gründete.
MacRae übernahm dann Anfang 1973 die Keyboards in Ian Carrs Formation ?Nucleus, spielte aber paralell dazu mit diversen anderen Musikern und Bands zusammen, so etwa in Elton Deans Band Just Us, in Giles Farnaby’s Dream Band und 1974 in der Gruppe Back Door um den Bassisten Colin Hodgkinson. 1974 verließ er Nucleus und widmete sich mit seiner Ehefrau, der Sängerin Joy Yates, ihrer gemeinsamen Gruppe Pacific Eardrum. Gelegentlich wurde er von Musikern der Canterbury Scene gebeten, an einzelnen Plattenaufnahmen mitzuwirken, so etwa von Robert Wyatt, Mike Gibbs und ?Richard Sinclair, nahm aber auch Engagements für Schallplattenproduktionen etwa der Walker Brothers (»Lines«, 1977) oder von Gary Boyle (»Dancer«, 1977) an. In diesen Jahren war MacRae auch Musical Director der Fernsehreihe »The Goodies«. Für kurze Zeit war er auch wieder Mitglied einer Band der Canterbury Scene, als er sich 1984 für einige Zeit bei ?Soft Machine an die Keyboards setzte.
Im selben Jahr kehrte MacRae wieder nach Australien zurück und übernahm – häufig gemeinsam mit Joy Yates – als Produzent oder Musical Director die Leitung bei diversen Musik-Institutionen, etwa bei der Sing for Joy School, bei The Global Vocal Focal Workshops,bei Mistyville Music, beim Newport Jazz Festival at Pittwater, beim Australian Institute of Music und dem Musikprojekt Jubilation.

Diskografie Southern Roots (1990) | Weblink http://www.joyyates-davemacrae.com (Offizielle Website der Sängerin Joy Yates und des Keyboard-Spielers Dave MacRae)

Magma, französische Progressive-Rock-Band, 1969 von dem französischen Schlagzeuger Christian Vander (* 1948) in Paris gegründet; die Band gilt als Hauptvertreter der artifiziellen Musikrichtung ?Zeuhl.
Vander, traditionell als Schlagzeuger ausgebildet, scharte einige Musiker um sich, darunter auch seine Frau Stella (* 1950). Obligat gehörten zu der wie eine Rockband besetzten Formation Bläser, und wenn Magma auch nicht eine um personelle Konstanz bemühte Band ist, so wurde doch über die Jahrzehnte ein erstaunlich konsistentes Klangbild erhalten. Im Mittelpunkt steht in der Musik Magmas stets die Rhythmusgruppe, doch spielen einerseits Bläser in unterschiedlicher Besetzung, andererseits Sänger – vom Solosänger bis zum mehrere Mitglieder starken Chor – eine wichtige Rolle.
Die erste LP, 1970 unter dem Titel »Magma« veröffentlicht, stellt so etwas wie das Manifest der Band Vanders dar. Es erzählt die Geschichte eines fiktiven Planeten namens Kobaï, der einst von Bewohnern der Erde besiedelt wurde. Die Kobaïaner kehren eines Tages, angeführt von Kreuhn Kohrmann, zur Erde zurück, um deren Bewohner aus dem Zeitalter des Hasses zu retten. Vander und seine Musiker identifizierten sich mit der ebenso esoterischen wie seltsamen Geschichte so sehr, dass viele Texte zu den Songs in »kobaïanisch«, einer erfundenen Sprache, gehalten sind.
Unter diesen Prämissen veröffentlichte Magma in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre in rascher Folge einige Alben. Wenn Vander auch die Band ständig umbesetzte, so fand er stets ausgezeichnete Musiker für seine Kompositionen. Vor allem die Alben, die zwischen 1970 und 1977 entstanden und Titel wie »Mekanik Destruktiw Kommandöh« (1973), »Köhntarkösz« (1974), »Üdü Wüdü« (1976) und »Attahk« (1977) tragen, werden mit dem Namen der Band verbunden, und in diesen Jahren fand die Band auch das Interesse eines größeren Publikums.
Gegen Ende der 1970er-Jahre nutzte Vander den Namen der Band nicht mehr durchgängig, veröffentlichte aber in den folgenden Jahren gelegentlich Alben unter eigenem Namen, die sich nicht von den Produktionen Magmas unterschieden. In den 1980er- und der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wurden diverse Aufnahmen von Live-Konzerten vornehmlich aus den 1970er-Jahren veröffentlichte. 1996 taten sich Stella und Christian Vander mit Don’t Die, einer Cover-Band Magmas, zusammen. Diese Formation tritt seitdem hier und da öffentlich unter dem Namen Magma auf und veröffentlich gelegentlich CDs.
Vander verfolgte von Anbeginn seiner Arbeit mit Magma ein Konzept, das die Grenzen von Rockmusik sprengt und die Band als Teil eines Gesamtkunstwerkes erscheinen lässt, das deutliche Anzeichen einer Pseudoreligion trägt. Anregungen für seine Musik, die im Kern Rockmusik ist, bezog der charismatische Schlagzeuger vornehmlich aus dem Jazz bis hin zum Funk, aber auch aus dem Werk Carl Orffs (* 1895, † 1982). Innerhalb der Rockmusik nimmt Vander mit seiner Band eine Sonderstellung ein, und tatsächlich dürfte der esoterische Unterbau der Musik viele Rockhörer abgeschreckt haben. Dennoch verfügt Magma über eine beständige Anhängerschaft und hat im Laufe der Jahrzehnte einen gewissen Kultstatus erreicht. Magma ist keine Band der Canterbury Scene, aber es gab immer wieder einmal punktuelle Berührungen der Band mit Musikern des Canterbury Rocks, am häufigsten mit denen von Gong. Mal spielte Magmas Bassist Francis Moze bei Gong mit, mal bei John Greaves, mal Gongs Schlagzeuger Pierre Moerlen bei Magma, dann fand sich der Saxophonist Didier Malherbe mit Magmas Pianist Faton Cohen zu einer gemeinsamen Formation ein, bei der Moerlen die Drums spielte. Auch die Pianistin Lydia Domancich, Schwester der Pianistin Sophia Domancich und Mitglied von Vanders Band Offering, war an Aufnahmen beteiligt, an denen auch der Schlagzeuger Pip Pyle teilnahm. Der Grund für diese kleine Gemeinsamkeit mag in einem ähnlichen Verständnis beider Bands darin bestehen, was Musik sein soll, nämlich mehr als das Anfertigen von Tönen.

Diskografie Magma (1970; unter dem Titel Kobaïa wiederveröffentlicht) ? 1001° Centigrades (1971) ? Mekanïk Destruktïw Kommandöh (1973) ? Wurdah Ïtah (1974) ? Köhntarkösz (1974) ? Live (Hhai) (1975) ? Üdü Wüdü (1976) ? Inédits (1976) ? Attahk (1977) ? Retrospektïw 3 (1981) ? Concert Bobino 1981 (1984) ? Merci (1984) ? Mekanïk Kommandöh (1989) ? Les Voix Concert 1992 (1992) ? Concert 1971 Bruxelles – Théâtre 140 (1996) ? Theatre du taur Concert – Toulouse 1975 (1996) ? Concert 1976 Opéra de Reims (1996) ? BBC 1974 Londres (1999) ? Theusz Hamtaahk Trilogie (2001) ? Bourges 1979 (2008) ? K.A. (2004) ? Ëmëhntëhtt-Ré (2009) ? Live in Tokyo (2009) ? Félicité Thösz (2012)


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