Canterbury Scene – Jazzrock in England: Lexikon A-L

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801, britische Rock-Formation, 1976 für drei Konzerte zusammengestellt. Der Name der Band geht auf den 1974 von Brian Eno auf seinem Album »Taking Tiger Mountain (By Strategy)« veröffentlichten Song »The True Wheel« zurück, in dessen Refrain die Zahl auftaucht.
Zu der direkt nach der ersten Auflösung von Roxy Music gegründeten Gruppe gehörten neben Brian Eno der Gitarrist Phil Manzanera, der Bassist ?Bill MacCormick – vorher bei ?Quiet Sun und ?Matching Mole –, der Keyboard-Spieler Francis Monkman – vorher bei Curved Air –, der Schlagzeuger Simon Phillips und der Sänger und Gitarrist Lloyd Watson. Geplant waren Auftritte in Norfolk, dann beim Reading Festival und abschließend in der Queen Elizabeth Hall in London. Das Konzert in London wurde mitgeschnitten und noch 1976 veröffentlicht. Zwar war »801 Live« nicht sonderlich erfolgreich – allzu viele Rock-Hörer konnten sich unter 801 nichts Rechtes vorstellen –, doch kam die Band, dann ohne Watson, aber mit Tim Finn von der neuseeländischen Band Split Enz, wenige Monate später zu einer Studioproduktion zusammen, die 1977 unter dem Titel »Listen Now« veröffentlicht wurde. Eine weitere Live-LP wurde zwar 1977 anlässlich eines Auftritts der Gruppe in Manchester aufgenommen, aber erst 1997 veröffentlicht, noch später ein weiterer Live-Mitschnitt von 1977 (»Live at Hull«, 2001).
Der Mythos der Formation 801 beruht nicht allein auf der Besetzung, bei der allemal Eno und Manzanera im Vordergrund standen, sondern vielmehr auf der Live-LP, die eine Art »zufälliges Gesamtkunstwerk« der Rockmusik darstellt: Bereits das Cover – es zeigt auf der Vorderseite ein offensichtlich in der Konzertsituation aufgenommenes Foto, auf blau-körnigem Grund ist die rot-strahlende Kopfplatte eines Fender-Basses zu sehen –, weist auf die Musik hin, denn nach einer atmosphärischen Einleitung des Konzertes durch Manzaneras Gitarrenspiel ist der wuchtige Bass-Ton A mehrmals zu hören, aus dem sich eine immer wieder auf A zurückfallende Spielfigur ergibt, mit der MacCormick sich selbst ein Denkmal setzte. Die einleitenden Takte münden – ungewöhnlich genug – in eine Cover Version des Songs »Tomorrow Never Knows« von The Beatles. Weitere Kompositionen der LP stammen von Manzanera und Eno sowie von The Kinks, »You Really Got Me«. Die Präsenz der Live-Aufnahme mag darüber hinaus auf eine für diesen Mitschnitt erstmals angewendete Technik zurückzuführen sein. Dabei wurde die Mehrzahl der Instrumente, abgesehen vom Schlagzeug, nicht mittels Mikrophonen an den Lautsprechern abgenommen, sondern direkt vor der Endstufe der Verstärker, deren Signal dann einem Mischpult und dem Bandgerät zugeführt wurden.
Die späteren LPs der Band fanden dann nicht die Beachtung eines größeren Publikums. 801 hat dennoch ein gewisse, nicht zu unterschätzende Bedeutung für die britische Rockmusik, denn sie stellt eine der wenigen Schnittstellen zwischen der Musik der so genannten Canterbury Scene und der etablierten britischen Rockmusik der Zeit dar, zu der die Artrock-Band Roxy Music (Manzanera, Eno) und die Progressive-Rock-Band Curved Air (Monkman) gehörten. Nebenbei markiert »801 Live« den Beginn der öffentlichen Karriere von Simon Phillips.

Diskografie 801 Live (1976) ? Listen Now (1977) ? 801 Manchester (1997; aufgenommen 1977) ? Live At Hull (2001; aufgenommen 1977)

A

Allen, Daevid Christopher, australischer Rockmusiker (Komposition, Text, Gitarre, Gesang), * Melbourne 13.1. 1938, † (Australien) 13.3. 2015
Daevid Allen hatte sich in seiner Heimat Australien zunächst weniger für ein Dasein als aktiver Musiker interessiert, sondern eher für das Leben der Protagonisten der so genannten Beat Generation. Zunehmend sich selbst als Vertreter dieser Generation begreifend, reiste er 1960 nach Paris und bewohnte im »Beat Hotel« – ein Spitzname für ein im Quartier Latin gelegenes kleines Hotel der unteren Kategorie –, ein Zimmer, in dem zuvor Allen Ginsberg und Peter Orlovsky gewohnt hatten. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, verkaufte er als fliegender Händler in Cafés, Restaurants und den Jazz-Clubs im Quartier die Zeitung »The International Herald Tribune«; die Zeitung trug Zeit ihres Bestehens wechselnde Namen. Bei den aufgrund seiner Tätigkeit sich ergebenden Besuchen der Jazz-Lokale wuchs sein Interesse am Jazz, so dass er 1961 nach England wechselte, in dem kleinen Ort Lydden bei Dover eine Wohnung nahm und versuchte, als Gitarrist Mitglied einer Band zu werden. Als ihm dies nicht gelang, gründete er mit dem sechzehnjährigen ?Robert Wyatt, Sohn seines Wohnungsvermieters, und dessen Schulfreund ?Hugh Hopper das Daevid Allen Trio, eine Formation, die sich weit mehr dem Free Jazz von Ornette Coleman und John Coltrane verpflichtet fühlte als der Rockmusik. Gelegentlich nahm der Keyboard-Spieler ?Mike Ratledge an den Proben und Auftritten des Trios teil, so dass Allen, Wyatt, Ratledge und ?Kevin Ayers 1966 ?The Soft Machine gründeten.
Als die Band einige Auftritte auf dem europäischen Festland absolviert hatte, wurde bei der Rückkehr der Musiker nach England Allen die Einreise verweigert; sein Visum war abgelaufen. Allen blieb in Paris und gründete 1967 mit seiner Freundin ?Gilli Smyth die Gruppe ?Gong. Als Allen im Umfeld der 68er-Studentenproteste aufgrund seiner damit verbundenen Aktivitäten in das Blickfeld der Polizei geriet, setzte er sich mit Smyth nach Mallorca ab, wo das Paar in der Künstlerkolonie der kleinen Stadt Deià lebte.
Gong, nunmehr nur aus Allen, Smyth und dem Flötisten ?Didier Malherbe bestehend – er lebte ebenfalls auf Mallorca –, veröffentlichten 1969 mit »Magick Brother« ihr erstes Album. Von Anfang an trennte Allen die Veröffentlichungen der Band von seinen eigenen: »Banana Moon«, sein erstes Solo-Album, kam 1970 in die Plattenläden. Allen hatte die Verbindungen nach England nicht abreißen lassen: An den Aufnahmen zu seinem Album waren unter anderen Robert Wyatt, ?Pip Pyle, die Sängerin Maggie Bell und der Posaunist ?Nick Evans beteiligt. Veröffentlicht hatte die LP ?Richard Bransons Label ?Virgin, bei dem 1971 auch »Camembert Electrique« erschien.
»Camembert Electrique« zeigte die Richtung, in er sich Allens Musik wie sein gesamtes Leben entwickelte: Aus Gong war Planet Gong geworden, ein Photo auf dem Cover gab einen kleinen Einblick in die Lebensumstände der von ihm gegründeten Landkommune – alter Bauernhof mitsamt Kaninchenstall –, die Musiker erhielten Phantasienamen, er selbst nannte sich Bert Camembert, Smyth sich Shakti Yoni.
Es war dies eine der künstlerisch fruchtbarsten Phasen im Leben Allens. In den 1970er-Jahren veröffentlichte er die »Radio Gnome Trilogy«, schrieb das Buch »Gong Dreaming«, veröffentlichte dann drei Solo-Alben – »Good Morning« (1976), »Now Is the Happiest Time of Your Life« (1977) und »N’existe pas!« (1979). All diese Alben standen für einen von Improvisationen geprägten, ganz eigenen ?Psychedelic Rock – mitunter dauerten die Konzerte mehrere Stunden lang. Er und Smyth hatten sich bis 1980 geradezu einen Kosmos erschaffen, in dem Gong in verschiedenen Besetzungen und mit diversen Namenszusätzen im Mittelpunkt stand. 1979 etwa tat er sich in der Band New York Gong mit dem US-amerikanischen Bassisten Bill Laswell zusammen, es kam eine LP zustande. Während Allen schon wieder sich anderen Projekten zuwandte – etwa der Invisible Opera Company of Tibet –, entstand aus den Trümmern der Gruppe die Formation Material, die in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre Einfluss auf die Entwicklung des Jazz nahm.
Einerseits blieb Allen aktiv wie eh und je, andererseits hielt er sich Anfang der 1980er-Jahre für einige Zeit in seiner Heimat Australien auf; auf dem weltweiten Musikmarkt war er aber stets präsent. So findet sich sein Namen auf Produktionen diverser mehr oder weniger obskurer Bands, so von Acid Mothers Gong, von you’N’gong, von ?Brainville 3 und von University of Errors Big City Orchestra. Andererseits war er Prinzipal der Gong-Dynastie: 2006 wurde in Amsterdam die Gong Unconvention veranstaltet, ein Festival, bei dem neben Allen selbst auch Gilli Smyth, ?Steve Hillage und Miquette Giraudy auftraten – außerdem diverse Musiker, die seit den 1970er-Jahren mit Allen oder Gong zusammengearbeitet hatten. Dass er 2007 eine seiner Formationen Daevid Allen and Gong Global Family nannte, war noch nicht einmal übertrieben. Entsprechend seiner Aktivitäten ist der Umfang der Schallplattenproduktion, die mit dem Namen Daevid Allen verbunden ist – sei es Solo, mit Gong oder den vielen Bands von Soft Machine bis zur Invisible Opera Company of Tibet – immens.
Obwohl Daevid Allen zu der kleinen Gruppe von Musikern zählt, die für die Existenz des Canterbury Rocks verantwortlich zeichnen, gehört er selbst mit seiner Musik nicht so recht dazu – Allen und Gong bilden eine eigene Kategorie. Das Bild des europäischen Psychedelic Rocks geht in wesentlichem Maße auf seine Musik zurück, eine Mischung von Rock und Jazz, in die Surrealismen wie Infantilismen gleichermaßen unbekümmert eingepasst werden, in der jedes Instrument seinen Platz findet, die mitunter mit phänomenalen Riffs und Improvisationen überrascht, dann wieder mit endlosem Gedudel nervtötet. Nicht wenigen Fans lieferten vor allem die frühen Platten von Allen und von Gong die Soundtracks zu ihre Drogentrips. Mit der ausgeklügelten und manchmal etwas berechnet wirkenden Musik des späteren Canterbury Rocks hatte Allens wolkige Musik nicht mehr viel gemeinsam.

Werke If Words were Birds; 1964 ? Book of Cloroforms – Poetry of the Sleeping Life; 1966 ? What happened to Walter – A Bananabook for Helen & Walter, the Travelling Allens; 1969 ? Shapeshifter – The Book; 1992 ? Gong Dreaming 1 – 1966-1969; Glastonbury 1994, Nachdruck London 2005 unter dem Titel: Gong Dreaming 1 – From Soft Machine to the Birth of Gong ? Gong Dreaming 2 – The Histories & Mysteries of Gong from 1969-1975; London 2009 | Diskografie Banana Moon (1971) ? Now Is the Happiest Time of Your Life (1977) ? N’Existe Pas! (1979) ? Divided Alien Playbax 80 (1982) ? Alien in New York (1983) ? The Death of Rock & Other Entrances (1984) ? Don’t Stop (1984; mit Ex) ? The Owl and the Tree (1986; mit Gilli Smyth und Harry Williamson) ? Stroking the Tail of the Bird (1990; mit Gilli Smyth und Harry Wiliamson) ? The Australian Years (1990) ? Australia Aquaria/She (1991; Aufnahmen von 1987 und 1989) ? Twelve Selves (1993) ? Who’s Afraid? (1993) ? Live 1963 (1993; David Allen Trio, Aufnahmen von 1963) ? Je Ne Fum’ Pas Des Bananes (1993; mit Bananamoon Band und Gong; Aufnahmen von 1969) ? Radio Promo (1994; Aufnahmen von 1988) ? Hit Men (1996; mit Mark Kramer; Aufnahmen von 1993 und 1995) ? Divided Alien Clockword Band (1998; Aufnahmen von 1980) ? Eat Me Baby, I’m a Jellybean (1998) ? Twenty-Two Meanings (1999) ? Self Initiation (2004) ? Bards of Byron Bay (2004; mit Russell Hibbs) ? Divided Alien Playbax Live (Part 1) (2004; Aufnahmen von 1980) ? Divided Alien Playbax Live (Part 2) (2004; Aufnahmen von 1980) | Mit University of Errors: Money Doesn’t Make It (1999) ? -e2x10=Tenure (2000) ? Ugly Music for Monica (2002) ? Jet Propelled Photographs (2004) ? Live in Chicago (2004; Aufnahmen von 2000) ? Live at the Fleece, Bristol, 6 June 2003 (2006; Aufnahmen von 2003) | Mit Euterpe: Good Morning (1976) ? Studio Rehearsal Tapes ’77 (2004) | Mit Invisible Opera: Company of Oz Melbourne Studio Tapes (2004; Aufnahmen von 1990) | Weblink http://www.planetgong.co.uk (Offizielle Website des Musikers Daevid Allen)

 


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