Canterbury Scene – Jazzrock in England: Vorwort

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Canterbury Scene ist die Bezeichnung für eine Gruppe von Musikern, die ab etwa Mitte der 1960er-Jahre in der kleinen Universitätsstadt im Südosten Englands Rockbands gründeten. Im Grunde war es nur eine einzige Band, die einige Schüler der Simon Langton Grammar School for Boys bildeten, The Wilde Flowers. Und noch nicht einmal alle ihre Mitglieder waren in Canterbury geboren und manch einer lebte gar nicht in der Stadt, sondern in einer der umliegenden Ortschaften. Auch den Begriff Canterbury Scene – oder auch Canterbury Sound, Canterbury School oder Canterbury Rock –, gab es nicht. Und eigentlich waren auch nicht The Wilde Flowers die »Urzelle« dieser Scene, sondern das Anfang der 1960er-Jahre in Canterbury gegründete Daevid Allen Trio, zu dem neben dem Gitarristen Daevid Allen der Bassist Hugh Hopper und der Schlagzeuger Robert Wyatt gehörten, ein Jazz-Trio. The Wilde Flowers, entstanden aus dem Daevid Allen Trio, dagegen hatten mit Jazz nichts im Sinn, sondern wollten Rhythm’n’Blues spielen, Musik zum Tanzen. Immerhin erwies sich die Band als zählebig, und nach wenigen Jahren war eine ganze Reihe von Musikern Mitglied der Wilde Flowers gewesen, so dass sich zwei Bands gründen konnten, die mit Fug und Recht als der Canterbury Scene zugehörig angesehen werden können: Caravan und Soft Machine. Diese beiden Bands versuchten jede für sich, eine Musik zwischen Jazz und dem von Pop-Elementen durchsetzten Rock jener Zeit zu kreieren.
Tatsächlich waren und sind Soft Machine und Caravan die Fixsterne der Canterbury Scene, und wenn es auch viele weitere Bands in England gab und gibt, die ebenfalls zur Canterbury Scene gerechnet werden, so kann die Musik dieser Scene mit der Musik dieser beiden Bands noch am besten beschrieben werden. Zumal die integrative Kraft dieser Bands sich später noch zeigen sollte. Mit etwas Oberflächlichkeit betrachtet, scheinen die Bands der Canterbury Scene mit der in Swingin’ London etablierten Rock und Popmusik wenig oder sogar gar nichts zu tun gehabt zu haben. Es gibt nur ein, zwei Bands der etablierten Londoner Rockmusik – Roxy Music und King Crimson –, aus denen Musiker kamen, die den Kontakt zur Canterbury Scene wenn schon nicht suchten, dann doch fanden. Und obwohl die Canterbury Scene heute als Teil des Progressive Rocks gesehen wird, gab es keine Berührungspunkte etwa zwischen Soft Machine und Caravan und Yes, Emerson, Lake & Palmer, Gentle Giant und Genesis – eher schon zu The Police. Tatsächlich aber gab es immer wieder Beziehungen zu anderen britischen Bands, selbst zu deutschen, und im Laufe der 1980er-Jahre – als mit den 1970er-Jahren die »eigentliche Zeit« der Canterbury Scene schon vorbei war –, auch Verbindungen zur europäischen Rockmusik außerhalb Großbritanniens, zum Jazz der USA und zur experimentellen Rockmusik der USA: Die Wirkung der Musik der Canterbury Scene entfaltete sich erst nach den 1970er-Jahren.
Dabei sollte das nicht mit kommerziellem Erfolg verwechselt werden. Wenn auch Soft Machine Ende der 1960er-Jahre mit der Jimi Hendrix Experience auf USA-Tournee ging und die Platten der Band wie auch die von Caravan leicht erhältlich waren. Das galt keineswegs für alle Bands der Canterbury Scene, schon die Alben der zweiten Generation von Bands – Henry Cow, Hatfield and the North, Matching Mole, National Health, um nur wenige zu nennen – waren selbst in einer Stadt wie Berlin nicht zu bekommen und mussten bei Mailorder-Versendern bestellt werden. Die hatten aber auch nicht alles vorrätig. Nicht zuletzt der schwere Zugang zum Markt für den Großteil der Bands führte einerseits oft zu schnellen Auflösungen, andererseits aber auch zu der Herausbildung der Independent-Labels und -Vertriebe. Chris Cutler von der Band Henry Cow ist hier die treibende Kraft gewesen und bot – gemeinsam mit anderen – ein Vorbild für die Independent Scene, die dann für Punk und New Wave wichtig wurde. Es darf auch nicht übersehen werden, dass nicht wenige Musiker für kürzere oder längere Zeit der Musik den Rücken kehrten und in anderen Tätigkeiten ihr Auskommen suchten und fanden. So ist – Ironie der Geschichte –, heute, im verglimmenden Zeitalter der CD, die Musik vieler dieser zum Teil längst aufgelösten Bands leichter und umfassender zu bekommen als Zeit ihres Bestehens.
Canterbury Rock ist eine Musik, die selbst in ihrer Blütezeit nie den Sprung über den Atlantik geschafft hat. »The British Invasion« war Geschichte und im amerikanischen Jazzrock von Miles Davis und Herbie Hancock, Weather Report und dem Mahavishnu Orchestra hatte der europäische Jazzrock zumindest in den USA keine Chance. Gegen Ende der 1970er-Jahre fristete der Canterbury Rock ein Nischen-Dasein. Erst in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre zeigte sich eine Art »Spätzündung«. Und diese ging nicht von den »eigentlichen« Bands der Canterbury Scene, Soft Machine und Caravan, aus, sondern von den Musikern, die bis 1978 die Band Henry Cow gebildet hatten. Sie fügten dem Jazz der 1980er- und 1990er-Jahre einige europäische Farben hinzu, Farben, die nicht verbleichen.

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Die Musik der Bands der Canterbury Scene weckte erst etwa 1977 mein Interesse. Vorher hatte ich natürlich das Eine oder Andere von Soft Machine – weniger – oder Caravan – mehr – gehört. Aber Anfang der 1970er-Jahre gab es so viel interessante Musik, dass der Canterbury Rock nur eine Stimme in einem vielstimmigen Chor stellte. Seinerzeit fielen mir zwei Hefte der deutschen Zeitschrift Hanni Manni in die Hände, eigentlich eine Art Fanzine, aber angesichts der strikt auf die Rockmusik vor allem in Nordamerika ausgerichteten Artikel in der deutschen »Sounds« bot Hanni Manni eine andere Sicht auf die Dinge. Aber es schien schlichtweg unmöglich, an die dort genannten Platten heranzukommen – Mailorder gab es zwar, aber etwa bei Groovers Paradise habe ich erst einige Jahre später bestellt. Und als ich dann die erste Platte von Henry Cow in den Händen hielt – gefunden auf dem Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni in Berlin (West) –, war ich ziemlich erstaunt über das Cover mit der Socke – ich hatte es vorher nur auf Schwarz-Weiß-Abbildungen gesehen. Es war klar, dass dies keine »Pop-Platte« war. Wenig später hatte ich das Glück, dass irgendjemand seine Sammlung von Canterbury-Platten aufgelöst hatte und sie alle zu Platten-Pedro im Tegeler Weg – immer noch Berlin (West) – geschleppt hatte. Ich wohnte um die Ecke und kaufte alles, was ich bei Pedro fand.
Immerhin: Während meiner Zeit als Musikredakteur bei der Berliner Tageszeitung »Der Tagesspiegel« habe ich, mit einigen Jahren Verspätung, einige Musiker der Canterbury Scene im Konzert gehört und gesehen, als Mitglieder neuer Formationen, Cassiber, David Thomas and The Pedestrians, dann auch Fred Frith solo. Monika Dörings Music Hall in Steglitz und später das Loft im Metropol Theater am Nollendorfplatz waren die Orte. Die Platten von Peter Blegvad oder Art Bears waren mittlerweile einigermaßen kommod zu bekommen. In diesen Jahren schaffte es der aktuelle New Yorker Jazz ins Programm des JazzFests in Berlin, und ich hatte immer den Eindruck, dass es diese Musik ohne manche Musiker und Bands der Canterbury Scene nicht hätte geben können.
Meine Magisterarbeit schrieb ich bei Tibor Kneif, über Canterbury Rock, Soft Machine und Robert Wyatt. Es gab kein Internet, keine Monographie zum Thema, nur ein paar Artikel in verstreuten Zeitschriften, denen ich nicht immer über den Weg traute. Vor allem gab es die Platten zum thematischen Umfeld, von denen ich bis dahin etwa 50, 60 Stück angesammelt hatte. Teile meiner Magisterarbeit verwendete ich noch einmal für »Progressive Rock – Die Ernste Musik der Popmusik«, obwohl ich den Eindruck hatte, dass dieses Buch nicht den ganz passenden Rahmen für den Canterbury Rock bot.
Denn die Musik der Canterbury-Bands wird mittlerweile zwar dem Progressive Rock zugeschlagen, aber wohl eher mangels Alternative als aus durchweg stichhaltigen Gründen. »In the Land of Grey and Pink« von Caravan ist ohne Zweifel ein zum Progressive Rock gehörendes Album, aber gilt das auch für beispielsweise »Legend«, »Unrest« oder »In Praise of Learning« von Henry Cow? Was hat die Musik dieser Band mit Rock oder Jazz zu tun? Ist das »experimentelle« Musik oder nicht gerade das Gegenteil davon?
Es ist klar, dass der gängige Musikjournalismus längst nicht allen Alben der Bands des Canterbury Rocks etwas abgewinnen konnte, mitunter wurde beispielsweise die Musik von Soft Machine mit dem unfreundlichen Begriff »Taschenrechner-Musik« abgetan. Andererseits fand die Musik immer Hörer, Verteidiger und auch glühende Fans. Kaum eine Strömung der Rockmusik ist – auf den ersten Blick – so gut dokumentiert wie der Canterbury Rock und längst sind auch manche der Musiker zu Kustoden der eigenen Vergangenheit geworden. Mittels des Internets ist diese Seite der Canterbury Scene leicht erreichbar, und ohne etwa »Calyx – The Canterbury Website«, gesammelt von Aymeric Leroy, hätte auch das vorliegende Buch nicht geschrieben werden können. Zu Aymeric Leroys Website gehört auch eine beeindruckende Liste von Links, und selbst wenn über den einen oder anderen die Zeit hinweggegangen ist, lassen sich hier allemal detaillierte Antworten zu einigen Fragen finden, die in einem Buch wie diesem nicht beantwortet werden können.

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Dieses Buch stellt in konzentrierter Form das grundsätzliche Material über die Musik, die Musiker und die Bands der Canterbury Scene bereit. Der hauptsächliche Teil ist der Lexikonteil, in dem Informationen über Musiker, Bands, Orte, Instrumente und Begriffe gesammelt sind; ergänzt werden diese Artikel mit Diskografien – in denen in der Regel »Best-of«-Sammlungen nicht genannt sind –, Literaturhinweisen und Weblinks. Eine allgemeine Literatur- und Linkliste findet sich am Ende des Buches. Wie in Lexika üblich, wurden Verweise gesetzt, doch nicht jeder mögliche, schon allein, um das Lesen nicht unnötig zu erschweren. Mithilfe des Registers können auch Musiker und Bands gefunden werden, die keine eigenen Artikel haben, aber im Buch genannt werden.
Auf den Lexikonteil folgt ein Aufsatz, in dem bestimmte Aspekte des Canterbury Rocks näher untersucht werden, es geht auch um eine Einordnung der Musik in das Ganze von Jazz und Rock. Eine umfassende Dokumentation des Canterbury Rocks steht noch aus, obwohl diese Strömung der europäischen Musik für eine nähere Betrachtung das ideale Objekt bildet. Wünschenswert, dass das vorliegende Buch den Anstoß für weitere, detaillierte Arbeiten gibt, die sich dabei nicht nur auf Musik und Biografien beschränken; ganz sicher wäre die Canterbury Scene auch der Beachtung von Soziologen wert.
Und schließlich soll »Canterbury Rock – Jazzrock in England« nicht nur der Musik, sondern vor allem den Musikern ein kleines Denkmal sein.

Bernward Halbscheffel
Leipzig, August 2014

 

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